Anton Bruckner

Symphony No. 8

Wiener Philharmoniker, Ltg. Christian Thielemann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 04/2021 , Seite 68

Chris­t­ian Thiele­mann gilt als ein­er der großen Bruck­n­er-Diri­gen­ten unser­er Zeit. An seinen Inter­pre­ta­tio­nen mit den Berlin­er, Wiener und Münch­n­er Phil­har­monikern, also den renom­miertesten Orch­estern der Welt, aber auch mit der Staatskapelle Dres­den, kommt nie­mand vor­bei, ob man sie mag oder nicht. Thiele­mann hat einen eige­nen Bruck­n­er-Stil entwick­elt und per­fek­tion­iert und dabei seinen Lehrmeis­ter Her­bert von Kara­jan deut­lich hin­ter sich gelassen. Ein­drucksvoller Beleg dafür ist die jüng­ste Auf­nahme der läng­sten, der acht­en Bruck­n­er-Sin­fonie mit den Wiener Phil­har­monikern im Wiener Musikvere­inssaal aus dem Früh­jahr 2020.
Thiele­manns Bruck­n­er-Lesart ist ein Akt der Verza­uberung, Erhe­bung und Betörung. Keine Schroffheit oder Unaus­ge­wogen­heit soll stören. Die für ihre Zeit unge­heuren har­monis­chen Kühn­heit­en, Brüche, Klip­pen, Löch­er, Spal­ten und Risse wer­den beina­he unmerk­lich geschlossen durch eine Kun­st des fein­sten Über­gangs. Jedes Ritar­dan­do wird samtwe­ich abgefed­ert, jed­er erre­ichte Höhep­unkt sofort volltönig abgerun­det. Ein Satz nach dem anderen wird als Hochamt des feier­lichen Mis­chk­langs zele­bri­ert. Beina­he ist man über­rascht, wenn es im langsamen Satz der Acht­en – gle­ich­sam als Höhep­unkt eines end­losen Orgas­mus – doch noch zum erup­tiv­en Aus­bruch kommt. Die Musik ist hier im ewigen Fluss, stets in Bewe­gung und doch der Magie des Augen­blicks ver­haftet.
Anton Bruck­n­ers achte Sin­fonie wurde nach drei­jähriger Arbeit Mitte 1887, abgeschlossen, jedoch erst in ihrer zweit­en Fas­sung 1892 – mit großem Erfolg – in Wien uraufge­führt. Hier zu hören ist allerd­ings eine Mis­chfas­sung aus erster und zweit­er Fas­sung, die von Robert Haas pub­liziert wurde. Bruck­n­er selb­st hat­te in sein­er zweit­en Fas­sung durch Hinzu­nahme weit­er­er Holzbläs­er, der Wag­n­er-Tuben in allen Sätzen und ein­er Harfe einiges zur Ver­feinerung des Klangs beige­tra­gen. Die Dra­maturgie hat­te er auf einen finalen Höhep­unkt hin fokussiert.
Auf der anderen Seite wird die Achte ob ihrer Länge, düster-pathetis­chen Stim­mung (gle­ich im schick­sal­strächti­gen Kopfthe­ma des ersten Satzes) und nachger­ade mil­itärischen Aufladung (Scher­zo) nicht zu Unrecht als Mon­strum beze­ich­net. Es entspricht Thiele­manns Eige­nart, diesem Mon­ster gle­ich­sam die Zähne abzuschleifen oder gar zu ziehen, um es in gefahrlos­er Erhaben­heit auszustellen.
Die Per­fek­tion, mit der das passiert, ist freilich atem­ber­aubend und set­zt einen Part­ner wie die Wiener Phil­har­moniker voraus, die auf ein­er unge­heuren qual­i­ta­tiv­en Höhe agieren. Es ist zugle­ich nicht richtig zu behaupten (wie mehrfach im Zusam­men­hang mit dieser Auf­nahme geschehen), die Wiener wären für Thiele­manns Ansatz das ide­ale Orch­ester. Sie sind ein unver­gle­ich­lich­es Orch­ester, das ger­ade deshalb aber auch einen ganz anderen, trans­par­enten, pointierten Bruck­n­er spie­len kann, was die Auf­nah­men mit Niko­laus Harnon­court deut­lich machen. Und wer hören will, wie präzise und klar, dabei keineswegs blut­leer man Bruck­n­ers The­men in der Acht­en auch gestal­ten kann, sollte sich die Auf­nahme von Gün­ter Wand mit den Münch­n­er Phil­har­monikern anhören.
Johannes Kil­lyen