Peter Tschaikowsky

Symphony No. 6 „Pathétique“

Berliner Philharmoniker, Ltg. Kirill Petrenko

Rubrik: CD
Verlag/Label: Berlin Phil Media BPHR
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 69

Dies ist also die erste CD von Kir­ill Petrenko und den Berlin­er Phil­har­monikern, deren neuer Chefdiri­gent er seit August 2019 ist. Das Werk: die Sin­fonie Nr. 6 h-Moll mit dem Beina­men „Pathé­tique“ von Peter Tschaikowsky.
Die „Umver­pack­ung“ der CD ist sehr aufwendig gestal­tet mit aus­führlichem, zweis­prachigem Begleit­text, illus­tri­ert mit Bildern vom Kom­pon­is­ten sowie von dessen Werk und den „Berlin­ern“. Zu lesen sind unter anderem Petrenkos Gedanken zur Inter­pre­ta­tion der Sin­fonie und nicht zulet­zt die ansehn­liche Beset­zungsliste der Phil­har­moniker. Alles zusam­men füllt ein 36-seit­iges, auf­fäl­lig gestal­tetes Hard­cov­er-Büch­lein im Quar­t­for­mat. Die CD ist eine soge­nan­nte Hybrid-CD (SACD), welche höch­ste Stan­dards erfüllt, aufgenom­men am 22. und 23. Juni 2017. Und nicht genug: Zusam­men mit dem Buch erhält man ein „7-day tick­et for the Dig­i­tal Con­cert Hall“ mit Zugangscode.
Was will man da nach der beina­he atem­los machen­den Aufzäh­lung noch mehr? Weg nun also mit dem alten Plun­der im Regal, den ver­staubten Schallplat­ten mit Kara­jan und Co? Nein, beileibe nicht!
Trotz all­bekan­nter vol­len­de­ter Spielkul­tur der Berlin­er bleibt Petrenkos Inter­pre­ta­tion hin­ter den sehr hoch gestell­ten Erwartun­gen zurück. Zu unaufgeregt und aus­sageschlank kommt sie daher, wie eine Nobelka­rosse mit zu schwachem Motor. Ich denke ins­beson­dere an die bestechende Inter­pre­ta­tion mit Jew­geni Mraw­in­s­ki und den Leningrad­er Phil­har­monikern von 1957. Bei einem direk­ten Ver­gle­ich gebe ich der Schallplat­te mit ihren dem Alter geschulde­ten tech­nis­chen Unzulänglichkeit­en den Vorzug und lasse die vor­liegende CD im Regal. Auch wem diese Ref­eren­za­uf­nahme mit Mraw­in­s­ki zum Ver­gle­ich nicht vor­liegt, wird mehr erwarten.
Während dort vor­wärts­drän­gend, see­len­voll mit viel Herzblut und inten­siv­er Lebendigkeit musiziert wird, wirkt die aktuelle CD trotz fein­stem und aus­tari­ertem Klang sta­tisch, ohne Biss: Der Kopf­satz besitzt Film­musikcharak­ter, der 5/4-Takt wirkt bemüht, der 3. Satz kommt mil­itärisch ger­ade ohne dynamis­che Span­nung daher. Petrenko kratzt auch im schwärzesten aller Final­sätze des 19. Jahrhun­derts lediglich an der Ober­fläche, ohne sich über­haupt der unter­gründi­gen See­len­tiefe und unerk­lär­lichen Rät­sel­haftigkeit von Tschaikowskys Musik zu näh­ern. Der Philosoph Ernst Bloch bemerk­te ein­mal, ein großes Ada­gio sei „das wahre Finale der Sym­phonie, ein Kehraus“, der zur Musik hin­führt („Prinzip Hoff­nung“). Was hier bleibt, ist ein fra­gen­des Achselzuck­en.
Bemerkenswert­er­weise warnte der Ton­meis­ter dieser Auf­nahme, er würde sie noch nicht als „gültig“ beze­ich­nen. Auch Petrenko ahnte es wohl, als er im Inter­view resümierte: „Natür­lich ist auch dieser Mitschnitt nur eine Momen­tauf­nahme, und ich weiß heute schon, würde ich das Stück wieder machen, würde ich es anders machen.“ Es sei die Frage erlaubt: warum dann diese sug­ges­tiv wirk­ende Auf­machung zu ein­er Inter­pre­ta­tion, welche nicht gültig ist? Der erste Ein­druck, der bekan­ntlich der Beste sein soll, ist hier zer­stört.
Wern­er Boden­dorff