Johannes Brahms, Antonín Dvorák

Symphony No. 4, Symphony No. 9 “From the New World”

Bamberger Symphoniker, Ltg. Jakub Hrůša

Rubrik: Rezensionen
Verlag/Label: Tudor 1744-2, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 64

Dvoráks neunte und Brahms’ vierte Sin­fonie in einem Schu­ber: Das klingt erst ein­mal mäßig span­nend. Zwei Stan­dard­w­erke des roman­tis­chen Reper­toires, ein­mal mehr aufgenom­men. Inter­es­san­ter wird die Zusam­men­stel­lung schon, wenn man den Plan von Jakub Hrůša und den Bam­berg­er Sym­phonikern ken­nt, kün­ftig weit­ere Sin­fonie-Kop­plun­gen der bei­den Kom­pon­is­ten vorzule­gen. Das eigentliche Ereig­nis dieser zwei CDs ist freilich die vol­len­dete Inter­pre­ta­tion, die den 37-jähri­gen Tschechen als einen der wichtig­sten jun­gen Diri­gen­ten ausweist – einen, der es auch nicht nötig hat, sich (wie manch­er Altersgenosse) wahlweise als Enfant ter­ri­ble oder Klas­sik-Mes­sias zu insze­nieren.
Über nationale Unter­schiede hin­weg bestand zwis­chen Brahms und dem acht Jahre jün­geren Dvořák bekan­ntlich eine sehr enge Verbindung. Der in Wien lebende Brahms, längst arriv­iert und ein gemachter Mann, war ein entschei­den­der Förder­er Dvořáks, der in Prag müh­sam seine stetig größer wer­dende Fam­i­lie durch­brin­gen musste. Auch musikalisch ver­band bei­de so manch­es, die Liebe zu tra­di­tionellen For­men und zur absoluten Musik etwa – sie inspiri­erten einan­der und begeg­neten sich bald auf Augen­höhe.
Was lag näher, als dieses deutsch-tschechis­che Pro­jekt mit den Bam­berg­er Sym­phonikern umzuset­zen, die 1946 von emi­gri­erten deutschen Orch­ester­musik­ern aus Osteu­ropa – unter anderem von Mit­gliedern des Deutschen Phil­har­monis­chen Orch­esters Prag – gegrün­det wor­den sind.
Am schön­sten ist, mit welch­er Natür­lichkeit und Aus­ge­wogen­heit Hrůša, seit 2016/17 Chefdiri­gent der Bam­berg­er und Schüler von Jiří Bělohlávek, die bei­den Sin­fonien ange­ht. Da ist kein Tem­po, keine Dynamik, keine Phrasierung bewusst „beson­ders“ oder „extrem“. Überirdis­che Ruhe herrscht im langsamen Satz der Sin­fonie aus der Neuen Welt mit dem warmherzi­gen Englis­chhorn­so­lo und matt schim­mern­den, per­fekt aus­bal­ancierten Blech­bläsern. Ähn­lich im zweit­en Satz der Brahms-Sin­fonie, der
den Hör­er nach dem mächti­gen Choral zum Auf­takt in einen wun­der­samen musikalis­chen Schwe­bezu­s­tand ver­set­zt. Daraus blühen dann Melo­di­en her­rlich empor. Das heißt jedoch nicht, Hrůšas Lesart würde die Präzi­sion, die Trans­parenz, das Zupack­ende fehlen – im Gegen­teil. Kristal­lk­lar mod­el­liert
er das auf- und wieder absteigende Motiv im Kopf­satz von Dvořáks neunter Sin­fonie her­aus. Der Beginn des let­zten Brahms-Satzes mit den Blech­bläser­akko­r­den: nie über­s­teuert, immer aus­ge­wogen, aber auch nie lang­weilig.
Hrůšas Tem­pi sind im Ganzen nicht ungewöhn­lich oder Auf­se­hen erre­gend, doch er haucht dem musikalis­chen Gefüge Leben ein durch san­fte, kaum merk­liche Verzögerun­gen und Acceleran­di. Nie gewin­nt man einen Ein­druck der Schw­er­fäl­ligkeit. Hrůša weiß zu 100 Prozent, was er tut – vom
ersten bis zum let­zten Takt. Das Book­let enthält aus­re­ichend Infor­ma­tio­nen zu Brahms und Dvořák und ein län­geres Inter­view mit dem Diri­gen­ten.

Johannes Kil­lyen