Gustav Mahler

Symphony No. 4 nicht zu schnell

Miah Persson (Sopran), Orchestre Philharmonique du Luxembourg, Ltg. Gustavo Gimeno

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Verlag/Label: Pentatone PTC 5186 651
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 77

Langsamkeit hat Pro­gramm. Das Orchestre Phil­har­monique du Lux­em­bourg unter der Leitung von Gus­ta­vo Gimeno hat sich in vor­liegen­der Auf­nahme von Gus­tav Mahlers 4. Sym­phonie mit dem Titel „nicht zu schnell“ Tem­pomäßi­gung aufer­legt. Tat­säch­lich haben alle vier Sätze bedächtige, gemäch­liche, ruhevolle und behagliche Grundtem­pi – sie alle strahlen echt öster­re­ichis­che Gemütlichkeit aus. Aber auch der der Sym­phonie ange­hängte, früh kom­ponierte Klavierquar­tettsatz in der 2008/09 hergestell­ten Orchestrierung aus der Fed­er von Col­in Matthews erscheint ruhig: Sie gibt der CD let­ztlich sog­ar den Namen. Tat­säch­lich haben sich die Akteure bei der Auf­nahme im Feb­ru­ar 2017 in der Phil­har­monie Lux­em­bourg Zeit gelassen, ver­gle­icht man die Auf­nahme mit eini­gen älteren Auf­nah­men. Den­noch gilt das nicht für alle Sätze gle­icher­maßen – die Gren­ze zur Stunde wird allerd­ings nicht „gek­nackt“.
Wohl dank der aus­gek­lügel­ten Tech­nik des „SA-CD-Hybrid Mul­ti­chan­nel“ ist es möglich, die Trans­parenz sehr durch­sichtig, die Klänge nuanciert und fein durchzugestal­ten, die bestens aus­tari­ert erscheinen. Einzelne Instru­mente
wie Bassklar­inette oder Kon­trafagott sind in ihrer Stimm­führung eben­so deut­lich zu hören wie Englisch Horn und die anderen, nicht solis­tisch beset­zten zweit­en und drit­ten Bläser­stim­men. Die Pic­coloflöte ver­lei­ht dem Holzbläser­satz in ihrer Höhe eine scharfe Würze, die Hörn­er und Trompe­ten treten nie zu sehr in den Vorder­grund, sind aber zuge­gen, wenn sie gefordert wer­den. Die Harfe kommt in den Liegetö­nen der Stre­ich­er mit dun­klem Ernst daher. Eben­so tritt die im zweit­en Satz jew­eils einen Ton höher ges­timmte Solo-Vio­line (a-e-h-fis), der Mahler vorgibt: „wie eine Fidel“, bei dieser Auf­nahme keck, aber nicht vor­laut her­vor wie auch der Stre­icher­ap­pa­rat, und im Kopf­satz sind ins­beson­dere die geteil­ten Cel­li sehr dif­feren­ziert zu hören.
Inter­pre­ta­torisch hält sich Gimeno genau an die Mahler’schen Vor­gaben, und das sowohl in den fein abgestuften dynamis­chen Vor­gaben bis zum 5-fachen Pianis­si­mo und den zahlre­ichen Tem­powech­seln. Das Orch­ester zeigt sich hier sehr flex­i­bel und aus­drucksstark in höch­ster Per­fek­tion. Im Final­satz kommt es Mahlers Bitte „es ist von höch­ster Wichtigkeit, daß die Sän­gerin äußerst diskret begleit­et wird“ nach, trotz­dem muss sich die schwedis­che Sopranistin Miah Pers­son schon anstren­gen, um sich in den ras­an­ten Tut­tis­tellen durchzuset­zen. Ihre anfangs kehlige Stimme ver­schön­ert sich in den „plöt­zlich zurück­hal­tenden“ Pas­sagen zu einem glasklaren Gesang. Da Mahler eine Stimme „mit kindlich heit­erem Aus­druck“ wollte, scheint das Vibra­to leicht über­dosiert.
Das her­rliche Klavierquar­tett, welch­es Mahler im Alter von 16 Jahren kom­ponierte, erscheint hier in Gestalt „als Vision eines erschüt­tern­den Spätwerks“, so Olaf Wil­helmer im Book­let. Ein nicht ganz sor­gen­freier Vorschlag, der es aus der Per­spek­tive des geball­ten Gesamtwerks ein­schließlich der Zehn­ten nicht nur betra­chtet, son­dern auch ziem­lich auf­bläht.
Wern­er Boden­dorff