Schmidt, Franz

Symphony No. 4/Intermezzo aus “Notre Dame”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: MDG 937 1631-6
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 72

Vom umfan­gre­ichen Schaf­fen des öster­re­ichis­chen Kom­pon­is­ten Franz Schmidt ist im Konzertleben mit Aus­nahme sein­er 4. Sin­fonie und des Ora­to­ri­ums Das Buch mit den sieben Siegeln  kaum mehr etwas präsent. Von sein­er ein­sti­gen Erfol­gsop­er Notre Dame wird nur das Inter­mez­zo – häu­fig in Wun­schkonz­erten – noch gespielt. Etwas bess­er sieht es bei CD-Ein­spielun­gen aus. Hier sind neben den ange­sproch­enen Kom­po­si­tio­nen doch immer­hin seine anderen drei Sin­fonien, weit­ere Orch­ester­w­erke eben­so wie Orgel­w­erke, Kam­mer­musik oder seine konz­er­tan­ten Klavier­w­erke für die linke Hand und Orch­ester, teil­weise auch in Konkur­ren­zein­spielun­gen, zu find­en.
Franz Schmidt, 1874 in Press­burg geboren, wurde früh gefördert, studierte anfänglich bei Theodor Leschetizky (mit dem er sich bald über­warf) Klavier, bevor er das Cel­lostudi­um bei Fer­di­nand Hellmes­berg­er und das der Kom­po­si­tion bei Robert Fuchs auf­nahm, das er 1896 erfol­gre­ich abschloss. Bis 1914 spielt der her­vor­ra­gende Cel­list bei den Wiener Phil­har­monikern bzw. im Hofoper­norch­ester. Offiziell erster Cel­list, wie häu­fig zu lesen, war Schmidt indes nicht, Intri­gen und Wider­stände im Orch­ester standen dem ent­ge­gen. Auch Gus­tav Mahlers Hal­tung zu dem begabten Cel­lis­ten, der zugle­ich schon als Kom­pon­ist her­vor­ge­treten war, war ambiva­lent. Schmidt entwick­elte zudem als Päd­a­goge eine beachtliche Reputa­tion, von 1927 bis 1931 war er beispiel­sweise Rek­tor der Wiener Musikakademie.
Seine 4. Sin­fonie beze­ich­nete Schmidt als „Requiem für seine Tochter“: Emma war 1932 bei Geburt ihres ersten Kindes gestor­ben. Die 1934 uraufge­führte, rund 50-minütige Sin­fonie, die der Kom­pon­ist als seine „wahrste und inner­lich­ste“ beze­ich­nete, ist an der Spätro­man­tik ori­en­tiert. Die vier Sätze gehen pausen­los ineinan­der über. Das ein­lei­t­ende Trompe­ten­the­ma dient als Mot­to, das das Werk durchzieht und am Ende präg­nant wieder auf­taucht. Das C‑Dur der Vierten hat nie eine Chance zu strahlen­der mozartian­is­ch­er Hel­ligkeit. Dem Requiem-Charak­ter des Werks entsprechend dominieren die dun­klen Far­ben, ein expres­siv aufge­laden­er Trauer­ton, der sich beson­ders im emo­tion­al aufge­lade­nen Cel­lo-Solo, dem Instru­ment des Kom­pon­is­ten, Raum bricht.
Ste­fan Blu­nier hat mit seinem Beethoven Orch­ester Bonn nun eine sehr überzeu­gende Liveauf­nahme des Werks vorgelegt. Blu­nier dosiert mit seinem aus­ge­wogen und dif­feren­ziert musizieren­den Ensem­ble das Pathos genau, set­zt auf Trans­parenz und Durch­hör­barkeit, nicht auf eine dif­fuse Klang­wolke. So entwick­eln die Bon­ner einen von Pianokul­tur geprägten Span­nungs­bo­gen, der den Hör­er in seinen Bann zieht, wobei die präg­nan­ten Soli (Trompete und Cel­lo) sich beson­ders ausze­ich­nen kön­nen. Im Ver­gle­ich dazu agiert Yakov Kreizberg mit seinem soli­den Nether­lands Phil­har­mon­ic Orches­tra Ams­ter­dam (Pen­ta­tone SACD PTC5186015, über Codaex), der sich schon häu­fig des Werks im Konz­ert­saal angenom­men hat, eine Spur vorder­gründi­ger. Blu­nier gelingt es, die Fein­heit­en der Musik her­auszuar­beit­en, ohne den großen Bogen zu ver­nach­läs­si­gen. Eine auch auf­nah­me­tech­nisch mehr als gelun­gene Auf­nahme.
Wal­ter Schneckenburger