Dmitri Schostakowitsch

Symphony No 4

London Symphony Orchestra, Ltg. Gianandrea Noseda London Symphony Orchestra

Rubrik: CDs
Verlag/Label: LSO
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 69

Warum zog Dmitri Schostakow­itsch seine vierte Sym­phonie c-Moll op. 43 kurz vor ihrer Urauf­führung 1936 zurück? Diese Frage beschäftigt die musikalis­che Fach­welt schon seit Langem. Ange­blich wegen Unzufrieden­heit, hieß es offiziell, wohl um den wahren Grund zu ver­schleiern. Die Frage wird ver­mut­lich nie beant­wortet wer­den. Bekan­nt ist, dass Schostakow­itsch nach der Auf­führung sein­er Oper Lady Mac­beth von Mzen­sk mas­siv von der Partei und ihrem Presse­or­gan Praw­da eingeschüchtert wurde, „erbauliche Musik für die Masse zu kom­ponieren“, betont Andrew Huth im dreis­prachi­gen CD-Book­let. Um die Parteigemüter zu beruhi­gen, kom­ponierte er bekan­ntlich seine Fün­fte.
Tat­säch­lich wäre dage­gen die Vierte in ihrer ungezügel­ten Wild­heit und Schroffheit auf echt­es Unver­ständ­nis gestoßen. Erst Ende 1961 – acht Jahre nach Stal­ins Tod und drei Monate nach Schostakow­itschs Zwölfter – wagte es der Kom­pon­ist und ließ die Sym­phonie unter Kyrill Kon­draschin erst­mals auf­führen. Die Ref­eren­za­uf­nahme mit ihm und dem Sin­fonieorch­ester der Moskauer Staatlichen Phil­har­monie ist heute noch zu hören. Schostakow­itsch schätzte sie sehr. Sie zeige eine Spur, die nach dessen eigen­er Ein­schätzung, „stärk­er und schär­fer in meinem Schaf­fen her­vor­ge­treten wäre. Ich hätte mehr Bravour gezeigt, mehr Sarkas­mus ver­wen­det… also meine Ideen offen­er aus­drück­en kön­nen, anstatt sie tar­nen zu müssen.“
Das Lon­don­er Sym­pho­ny Orches­tra, das inzwis­chen schon einige Sym­phonien von Schostakow­itsch einge­spielt hat, arbeit­ete diese Schroffheit und das Grelle, das sich mit ruhi­gen Pas­sagen oft sehr unmit­tel­bar abwech­selt, in scho­nungslos­er Offen­heit her­aus. Die Pas­sagen, aus denen die Musik Gus­tav Mahlers lugt, sind eben­so deut­lich zu hören wie die über­mahlerten Sequen­zen. Es wird aber auch deut­lich, dass die Sym­phonie zwar kein Pro­gramm hat, son­dern das Pro­gramm selb­st ist, wie eine Film­musik ohne Film. Mit Blick auf die in dieser Zeit ent­stande­nen, teil­weise kle­in­for­mati­gen, manch­mal mas­siv laut­en und heit­eren Werke passt sie hinein, als Schostakow­itsch in den 1930er Jahren viel Film­musik kom­ponierte. Gle­ichzeit­ig spiegelt die Vierte aber auch ein Stück Zeit­stil wider, ver­gle­icht man ähn­liche Werke ander­er Kom­pon­is­ten wie Niko­lai Mjaskowskij oder Alexan­der Mosolow miteinan­der.
Anders als bei älteren Auf­nah­men, bei denen Diri­gen­ten ver­suchen, die zahlre­ichen Abschnitte organ­isch miteinan­der zu verbinden, polar­isiert Gianan­drea Nose­da stärk­er. Die gewählten Tem­pi sind nur um Weniges langsamer, was gle­ichzeit­ig auch mehr Deut­lichkeit bedeutet. Der Hör­er erlebt hier unmit­tel­bar ein rasches Wech­sel­bad der Gefüh­le, der Kom­pon­ist scheint also nicht getarnt zu haben. Möglich wird dies durch den über­großen Orch­ester­ap­pa­rat mit vier- bis sechs­fach beset­zten Holz- und den 20 Blech­bläsern, der Schlag­w­erk-Arma­da und dem flot­til­len­haften Stre­icher­wald. Trotz­dem wirken aber sowohl die mas­siv­en als auch die sub­til zarten und eben­so die augen­zwinkern­den Stellen keineswegs träge, son­dern recht agil.
Wern­er Boden­dorff