Ludwig van Beethoven

Symphony No. 3 op. 55 „Eroica“/15 Variations and Fugue op. 35 „Eroica“ Variations

Westdeutsche Sinfonia, Ltg. Dirk Joeres

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Heritage HTGCD BT 2, CD + DVD
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 66

Zwei Tak­te lang eine Bewe­gung inner­halb des Dom­i­nantsep­takko­rds, dann set­zt auf der Toni­ka das Haupt­the­ma von Beethovens Eroica ein. Nein? Das ken­nen Sie anders? Freilich, denn der hier geschilderte Beginn entstammt ein­er ver­wor­fe­nen Skizze Beethovens. Und richtig: Wie schwach hätte diese Fas­sung im Ver­gle­ich zur endgülti­gen gewirkt, zur selb­st­be­wussten Eröff­nung mit zwei wie Ham­mer­schläge geset­zten Toni­ka-Akko­r­den.
Einige der­ar­tige Blicke in Beethovens Werk­statt darf der Käufer der vor­liegen­den CD-Neu­veröf­fentlichung wer­fen. Denn hier wird ihm mehr geboten als die x-te Auf­nahme von Beethovens drit­ter Sym­phonie, mit der der Kom­pon­ist einen neuen Anspruch für die Gat­tung Sym­phonie anmeldet.
Was nicht heißt, dass die Inter­pre­ta­tion durch die West­deutsche Sin­fo­nia unter ihrem Diri­gen­ten Dirk Joeres nicht dur­chaus gelun­gen wäre: mit einem drama­tisch ges­pan­nten, nur im Bere­ich des zweit­en The­mas im Tem­po merk­lich gebrem­sten Kopf­satz und einem schlank begin­nen­den, erst später an Größe und Wucht zunehmenden Trauer­marsch. Das trans­par­ente Musizieren der aus führen­den Musik­ern mehrerer nor­drhein-west­fälis­ch­er Orch­ester zusam­menge­set­zten West­deutschen Sin­fo­nia set­zt sich auch im lock­eren Spiel des Scher­zos und im Vari­a­tio­nen-Finale fort.
Was diese CD-Veröf­fentlichung her­aushebt, ist die Beiga­be ein­er DVD, auf welch­er Dirk Joeres eine Ein­führung zum Werk gibt: mit Klang­beispie­len auf dem Klavier oder in Orch­ester­fas­sung. Kleines Manko: mit Blick auf den inter­na­tionalen Markt spricht er seinen erläutern­den Text englisch, doch eine deutsche Ver­sion ist immer­hin in Unter­titeln sowie im CD-Book­let wiedergegeben. Eben in diesem Rah­men kom­men auch Beethovens Skizzen zur Sprache, und man wün­schte nur, Joeres hätte diesen Aspekt sein­er Aus­führun­gen noch erweit­ert.
Instruk­tiv ist auch der Ver­gle­ich des let­zten Eroica-Satzes mit den von Dirk Joeres (der seine Kar­riere als Pianist begann) auf der CD anschließend einge­spiel­ten Vari­a­tio­nen op. 35 Beethovens, die aus dem gle­ichen musikalis­chen Mate­r­i­al entwick­elt sind. Es ist dies ein­er der weni­gen Fälle in Beethovens Œuvre, wo eine musikalis­che Grun­didee unter­schiedliche, doch in großen Zügen analoge Ausar­beitun­gen find­et (die drei ver­schiede­nen Leonoren-Ouvertüren bilden ein ähn­lich­es Beispiel). Das Vorauss­chick­en der Basslin­ie, ihr alleiniges Vari­ieren, dann das Hinzutreten der Melodi­es­timme sind bei­den Kom­po­si­tio­nen gemein, fern­er der Ein­bau von fugierten Abschnit­ten und eine verk­lärende Wiederkehr des Ober­stim­men-The­mas im langsamen Tem­po.
Eine ähn­liche CD-Veröf­fentlichung plus kom­men­tieren­der DVD haben Dirk Joeres und die West­deutsche Sin­fo­nia bere­its der ersten und zweit­en Sym­phonie Beethovens gewid­met. Es ist anzunehmen und zu wün­schen, dass dieses Pro­jekt fort­ge­führt wird, von der als näch­stes anste­hen­den Vierten bis hin zur Neun­ten.
Ger­hard Dietel