Anton Bruckner

Symphony No. 3

Wiener Philharmoniker, Ltg. Christian Thielemann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 19439861382
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 76

Anton Bruck­n­er musste im Laufe seines Lebens aller­hand Mis­ser­folge und Anfein­dun­gen verkraften. Keine andere sein­er Sin­fonien erlebte jedoch eine der­art schmerzhafte Rezep­tion wie seine dritte. Zur Urauf­führung ver­ließ das Pub­likum 1873 in Scharen, teils lachend, den Saal, ver­stört wohl vor allem von der block­haften Aneinan­der­rei­hung von Motiv­vari­anten; nur die eng­sten Getreuen har­rten aus. Zwei Mal bear­beit­ete Bruck­n­er daraufhin das Werk, jedoch kon­nte er mit der zweit­en Fas­sung von 1877 auch nicht punk­ten. Erst mit der drit­ten Fas­sung von 1890 stellte sich der gewün­schte Erfolg ein.
Auf­grund der starken Kürzun­gen von 2. und 4. Satz in dieser let­zten Umar­beitung lässt sich gut nachvol­lziehen, dass Chris­t­ian Thiele­mann als Experte langsamer Sätze für seinen Bruck­n­er-Zyk­lus mit den Wiener Phil­har­monikern die zweite Fas­sung favorisiert hat. Das Andante mit seinen kurzen Seufz­er-Anklän­gen an Wag­n­ers Tris­tan wird denn auch zum Herzstück dieser Ein­spielung. Das fängt schon damit an, dass es sich in der denkbar größten Ruhe ent­fal­ten kann. Über den ariosen, chro­ma­tis­chen Melo­di­en wal­tet ein unge­mein edler, run­der Klang, um die kurzen choralähn­lichen Motive in tiefer Lage tönen die Stre­ich­er wun­der­bar markig und erhaben, und das „Misterioso“-Motiv kommt leicht und grazil daher.
Auch alle übri­gen Sätze zeich­net der beson­dere Klang der Wiener aus, der reich ist an Vol­u­men, aber niemals dick­lich, majestätisch und zugle­ich elastisch.
Geleis­tet wurde hier auch seit­ens der Auf­nah­me­tech­nik aller­hand. Selb­st bei voller Phon­stärke tönen lange, bewegte For­tis­si­mo-Pas­sagen mit raschen Ton­ket­ten und Bläser­fan­faren in den Eck­sätzen sehr bril­lant. Eine weit­ere große Leis­tung liegt in der Homogen­ität der Stre­ich­er, die beson­ders auch dann ins Gewicht fällt, wenn sie end­lose Skalen im Pianis­si­mo spie­len wie zu Beginn des ersten Satzes „Gemäßigt, mehr bewegt, mis­te­rioso“. Alles wirkt wie unter einem Bogen auf einem großen Atem musiziert, sodass trotz Zäsuren, Fer­mat­en und Gen­er­al­pausen die Musik zwis­chen den Blöck­en nie zer­fällt. Vor allem der Ton des Erhabenen, den Bruck­n­er nahezu immer trostre­ich auf abgründi­ge Aus­brüche fol­gen lässt, erhält aufs Tre­f­flich­ste Raum. Bei alle­dem stimmt stets die Bal­ance zwis­chen Aufruhr, Feier­lichkeit, Schlichtheit, Schmerz und Leidenschaft.
In Coro­na-Zeit­en weitaus weniger aus­ge­lastet als gewohnt, kon­nten sich Orch­ester und Diri­gent den Luxus ein­er noch län­geren Proben­zeit gön­nen als son­st. Die Liebe zum Detail ver­mit­telt sich beson­ders auch im Scher­zo, das trotz des drama­tis­chen Anstrichs in den fort­laufend­en Achtel­be­we­gun­gen der Stre­ich­er nie zu schw­er anmutet. So eine run­dum geniale Wieder­gabe gelingt nur nach langer, inten­siv­er Beschäf­ti­gung mit dem Kom­pon­is­ten. Bei Chris­t­ian Thiele­mann zieht sie sich nach vor­ange­gan­genen Zyklen mit den Münch­n­er Phil­har­monikern und der Säch­sis­chen Staatskapelle Dres­den über Jahrzehnte. Nach Ref­eren­za­uf­nah­men dieser Sin­fonie in der bekan­nteren drit­ten Fas­sung unter Celi­bidache oder Gün­ter Wand set­zen Thiele­mann und die Wiener nun Maßstäbe mit der zweiten.
Kirsten Liese