Anton Bruckner

Symphony No. 2

Staatskapelle Dresden, Ltg. Christian Thielemann

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: CMajor
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 73

Über viele Jahre hat sich Chris­t­ian Thiele­mann Anton Bruck­n­ers Sin­fonien sukzes­sive erar­beit­et. Die Zweite, doku­men­tiert in einem Mitschnitt aus der Ham­burg­er Elbphil­har­monie vom Feb­ru­ar 2019, bildet den Schlusspunkt seines viel beachteten, grandiosen Zyk­lus. Thiele­mann bringt sie in der let­zten von vier Fas­sun­gen aus dem Jahr 1877.
Da ger­ade diese Sin­fonie sel­tener Raum im Konz­ert­be­trieb erhält, wiewohl es sich keineswegs um ein unaus­gereiftes Früh­w­erk han­delt, erweist sich die Aufze­ich­nung als ein Segen. Zwis­chen Momenten von lyrisch­er Schön­heit, abrupten Abbrüchen, Gipfel­gän­gen, burlesken Motiv­en und kraftvollen Rhyth­men, die an das berühmte Scher­zo der Neun­ten erin­nern, offen­bart sich bere­its die unverkennbare Hand­schrift des spät berufe­nen Kom­pon­is­ten, der erst im Alter von 47 Jahren zur Sin­fonik kam. In ein­er ver­gle­ich­bar beseel­ten, vol­lkomme­nen Wieder­gabe wird man sie ver­mut­lich live so bald nicht wieder erleben.
Der roman­tis­che, warme und sinnliche Klang der Staatskapelle Dres­den kommt in der Auf­nahme vol­len­det zur Gel­tung. Chris­t­ian Thiele­mann fes­tigt endgültig seinen Ruf als ein­er der let­zten großen Bruck­n­er-Diri­gen­ten unser­er Zeit, der den klan­glichen Reich­tum der Musik mit sparsamen Bewe­gun­gen voll zur Gel­tung bringt, in sich ruht und es wie kein Zweit­er ver­ste­ht, Musik zu be- und entschle­u­ni­gen. Ins­beson­dere das feier­liche Ada­gio erstrahlt dank bre­it­em Tem­po in überirdis­ch­er Schön­heit.
Eben das sind die Qual­itäten, die diese Inter­pre­ta­tion aus­machen: das Erleben von Tran­szen­denz, span­nungsvolle, knis­ternde Stille, For­tis­si­mi von klan­glich­er Kom­pak­theit und Trans­parenz im Stim­men­dic­kicht. Dank exquis­iter Auf­nah­me­tech­nik ver­mit­teln sie sich bis ins heimis­che Wohnz­im­mer hinein.
Die Kam­era ist immer dicht dran an den Musik­ern und am Diri­gen­ten, die prick­el­nden Momente, wenn es plöt­zlich ganz still wird und sich nur noch die Kon­tra­bässe mit einem geheimnisvollen Tremo­lo vernehmen lassen oder auf samten­em Stre­ichertep­pich das Horn andachtsvoll ein Solo anstimmt, ver­mit­teln sich freilich am besten unter Ein­satz von Kopfhör­ern. Eine große Freude beschert auch das Scher­zo mit markan­ten Rhyth­men und Ohrwürmern.
Der größte magis­che Moment ist erre­icht, wenn im Ada­gio nach ein­er Gen­er­al­pause die vielle­icht zärtlich­ste Melodie ein­set­zt, die Bruck­n­er je geschrieben und später noch ein­mal im Bene­dic­tus sein­er f-Moll-Messe zitiert hat. Hier wird sie nicht nur leise und schön gespielt, son­dern zutief­st berührend.
Über­haupt beschert die visuelle Aufze­ich­nung dieses Konz­erts dank der sehenswerten, präzisen Zeichen­sprache des noch an kle­in­sten dynamis­chen Stellschrauben drehen­den Diri­gen­ten und der sub­tilen Kom­mu­nika­tion zwis­chen ihm und dem Orch­ester gegenüber ein­er reinen Tonauf­nahme einen deut­lichen Mehrw­ert. Nicht zulet­zt, weil auch Auftritt und Schluss­beifall in voller Länge aufgeze­ich­net und ste­hen­ge­lassen wur­den, stellt sich das Gefühl ein, unmit­tel­bar und mit­ten­drin dabei zu sein.
Kirsten Liese