Thomas Larcher

Symphony No. 2 „Kenotaph“/Die Nacht der Verlorenen

Andrè Schuen (Bariton), Finnish Radio Symphony Orchestra, Ltg. Hannu Lintu

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Ondine
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 69

Obwohl in verschiedenen Schaffens- und Lebensphasen von Thomas Larcher (geb. 1963) entstanden, gehören die zuerst als Konzert für Orchester geplante zweite Sinfonie und der Liederzyklus Die Nacht der Verlorenen nach Ingeborg Bachmann strukturell zusammen. Beide Werke zeichnen sich durch pulsierende Wechsel von Abschnitten mit großer und kleiner Instrumentenstärke aus. Die subtile Kantabilität des von Matthias Goerne uraufgeführten Vokalwerks steht in hörbarer Beziehung zu den neuen Nuancen zwischen Deklamation und Melodik erkundenden Werken Gustav Mahlers und Alban Bergs.
Der Tiroler Bariton Andrè Schuen nimmt den Gesangspart mit gehärteter Diktion und schafft so eine starke Synergie zwischen Wort- und Tongewalt. Dem Finnish Radio Symphony Orchestra gestaltet die Wechsel und ritornellartigen Einwürfe mit großer Geste und zugleich filigran. Wie oft bei Begegnungen mit Werken Larchers beeindruckt dessen Klangsprache durch sensitive Wachheit und originäre Agilität. Er handhabt sein satztechnisches Vokabular – das keine Barrieren zwischen Tonalität, freier Tonalität und Atonalität zu kennen scheint – virtuos und bewusst.
Wenn er die „die Formen unserer musikalischen Vergangenheit im Kontext unserer heutigen (musikalischen und menschlichen) Erfahrungen erkunden“ will, meint Larcher keine hitzige und kantige Debatte zwischen den Generationen, sondern ideelle Besitzerschließung und -weiterentwicklung. Das gilt gleichermaßen für die 2016 uraufgeführte zweite Sinfonie, die unter dem Eindruck der Tragödien um die zahlreichen im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge entstand sowie für den 2008 erstmals erklungenen Bachmann-Liederzyklus Die Nacht der Verlorenen.
Larchers Partituren wirken auf erstaunlich dichte Weise zeitbezogen und überzeitlich, auf Tonträger ebenso stark wie im Konzertsaal. Die inst­rumentalen Farbwechsel sind zwar sehr fein gedacht, bleiben aber immer er­kennbar. Das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Leitung von Hannu Lintu (besonders die Streicher) agiert bestechend klar und sogar scharf, die Bläser hell und direkt. Im romantischen Reper­toire würde man sich vielleicht etwas mehr singende Wärme wünschen, hier aber gerät die Kristallstruktur der Klangsetzung zum Vorteil. Hannu Lintu hält die Tempi immer derart in Fluss, dass zur atmenden Bewegung sogar das Innehalten gehört.
Der Sinfonie-Titel Kenotaph meint eine leere Gedenkstätte für abwesende Tote, Bachmanns Fragment klagt über emotionale Leere und das Fehlen von Liebe. Larcher beschreibt diese essenziellen Mangelerscheinungen nicht durch die Abwesenheit von Klängen oder durch musikalische Kargheit, sondern mit einer reichen sensorischen Ausdruckspalette. An den filigranen Harmonien hat sogar das stellenweise fast melodisch behandelte Schlagwerk einen wesentlichen Anteil. Es wird spannend, was kommende Generationen aus dieser die Stilmittel von Gustav Mahler bis Alfred Schnittke weiterdenkenden Musik hören werden.
Roland Dippel