Dmitri Schostakowitsch

Symphony No. 11 (The Year 1905)

SWR Symphonieorchester, Ltg. Eliahu Inbal

Rubrik: CDs
Verlag/Label: SWR Classic SWR19106CD
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 77

Es ist einige Jahre her, dass die Fusion der bei­den SWR-Sin­fonieorch­ester aus Baden-Baden und Freiburg sowie aus Stuttgart die Musik­welt in Wal­lung brachte. Das kri­tisch beäugte Ergeb­nis veröf­fentlicht nun seine erste rein orches­trale CD – mit Schostakow­itschs 11. Sym­phonie, dirigiert nicht vom aktuellen Chefdiri­gen­ten Teodor Cur­rentzis, son­dern von Eli­ahu Inbal, der vor Jahrzehn­ten bere­its beim Label Denon einen auf­se­hen­erre­gen­den Schostakow­itsch-Zyk­lus her­aus­brachte. Aufgenom­men wurde das Werk in der ersten Hälfte der Sai­son 2018/19; in den ersten Spielzeit­en des Orch­esters spielte die Sin­fonik Mahlers und Schostakow­itschs eine beson­dere Rolle.
Die Sin­fonie Nr. 11 hat­te es außer­halb Rus­s­lands bzw. der Sow­je­tu­nion lange Zeit schw­er, angemessen rezip­iert zu wer­den; das Schimpf­wort „Pro­gramm­sin­fonik“ stand ein­er Würdi­gung des Werks im Weg. Nun bezieht sich die Sin­fonie in ihrem Unter­ti­tel zwar konkret auf Das Jahr 1905 mit dem Mas­sak­er, welch­es das Zaren­regime an wehrlosen Demon­stran­ten verübte, doch wie in so vie­len Werken Schostakow­itschs geht es vielmehr um Gewalt und Unrecht all­ge­mein. Die Diri­gen­ten haben das Werk schon immer geschätzt, und daher gibt es zahlre­iche Ein­spielun­gen, auch außer­halb von Gesamtzyklen; Leopold Stokowskis schon rel­a­tiv kurz nach der Urauf­führung ent­standene Auf­nahme ist nur ein Beispiel. Daher muss sich Inbals Auf­nahme ein­er zahlre­ichen Konkur­renz stellen.
Im Grunde gibt es in Schostakow­itschs Jahr 1905 drei „Grund­stim­mungen“, die sich abwech­seln: brü­tende Stille, gefüh­lvolle Kon­tem­pla­tion und mit Aggres­sion durch­wirk­te Dra­matik. Allerd­ings darf der Kon­trast dieser Stim­mungen nicht auf Kosten der Ein­heitlichkeit des Werks gehen, die durch attac­ca-Anschlüsse zwis­chen den einzel­nen Sätzen zusät­zlich betont wird. Genau daran liegt der Kri­tikpunkt der vor­liegen­den Ein­spielung. Die stillen bzw. ruhi­gen Pas­sagen gelin­gen Inbal durchge­hend gut. Die eisige Stille des Kopf­satzes – und auch ihre Wiederkehr im zweit­en Satz sowie im Finale – ver­liert nie ihre unter­schwellige Bedrohlichkeit, und das Ada­gio an drit­ter Stelle fasst ohne Sen­ti­men­tal­ität jenes „ewige Gedenken“ in Töne, das der Kom­pon­ist im Sinn hat­te. An der Klangqual­ität des Orch­esters ist eben­so wenig auszuset­zen wie an der Aufnahmetechnik.
Etwas anders liegen die Dinge im zweit­en Satz sowie im Finale. Es fällt schw­er, die Musik dieser Teile als andere Seite der­sel­ben Münze zu sehen: Es fehlt der notwendi­ge Antrieb und auch der Wille zur bru­tal­en Gewalt. Das Mas­sak­er des drit­ten Satzes mit seinen Schlagzeugge­wit­tern etwa wirkt viel zu harm­los. Auch ver­misst man in diesen Pas­sagen, im Gegen­satz zu den trügerischen Momenten der Stille, eine hin­re­ichende klan­gliche Trans­parenz. So sind etwa die wichti­gen Glock­en in der Coda des Finales nur unzure­ichend zu hören.
Wäre dies die einzige Auf­nahme von Schostakow­itschs Elfter: Man kön­nte sie glatt empfehlen. So wie die Dinge liegen, han­delt es sich aber nur um eine weit­ere gute Ein­spielung unter mehreren anderen.
Thomas Schulz