Cipriani Potter

Symphony No. 1/Overture to Cymbelene/Introduzione e Rondo

Claire Huangci (Klavier), BBC National Orchestra of Wales, Ltg. Howard Griffiths

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 555 274-2
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 76

Hört man den Namen des Kom­pon­is­ten Philip Cipri­ani Ham­bly Pot­ter, denkt man zunächst fast an einen Aprilscherz. Aber den Lon­don­er Kom­pon­is­ten gab es tat­säch­lich. Er lebte von 1792 bis 1871 und baute als Diri­gent, Dozent und Pianist das britis­che Musik­leben mit auf. Außer­dem trägt eine Stradi­vari-Vio­line aus seinem Besitz bis heute seinen Namen. Seine großen Vor­bilder waren Wolf­gang Amadeus Mozart, Lud­wig van Beethoven und Gioacchi­no Rossi­ni. Ein­er sein­er Lehrmeis­ter war Thomas Attwood, Lon­don­er Hofkom­pon­ist und Organ­ist der St. Paul’s Cathe­dral, der bei Mozart The­o­rie und Kom­po­si­tion studiert hat­te. 1817 besuchte Pot­ter Beethoven in Wien, danach noch Rossi­ni in Ital­ien, bevor er 1819 wieder auf die Insel zurück­kehrte. Mit Rossi­ni teilte Pot­ter das Geburt­s­jahr sowie das öfter heit­ere als drama­tis­che Tem­pera­ment, und ähn­lich wie der Ital­iener stellte Pot­ter nach 1837 das Kom­ponieren ein.
Schon als Pot­ter vor 150 Jahren starb, war er als Kom­pon­ist weit­ge­hend vergessen. Das ändert sich erst in den ver­gan­genen Jahren, sicher­lich auch durch diese neue CD. Sie begin­nt mit Pot­ters immer­hin mehr als 24-minütiger, 1826 uraufge­führter Sym­phonie Nr. 1 g‑Moll. Zumin­d­est in ihren Eck­sätzen zeigt sie, dass Pot­ters Musik manch­mal schon eben­so roman­tisch sein kon­nte wie die von Felix Mendelssohn Bartholdy.
In der Mitte der Ein­spielung ste­ht Pot­ters Intro­duzione e Ron­do (alla mil­i­taire) Es-Dur für Klavier und Orch­ester von 1827. Das ist nun eher scherzhafte als mil­itärische Musik, mit vie­len instru­men­tal­en Pointen wie etwa witzi­gen Holzbläs­er-Kom­mentaren oder einem plöt­zlichen, unanständig tiefen Einzel­ton im zweit­en Horn. Pot­ters Ein­fälle sprudeln hier uner­schöpflich – tra­gen aber den­noch nicht ganz über die gut 19 Minuten Spieldauer.
Am Ende dann Pot­ters 1836 vol­len­dete und mehr als vier­tel­stündi­ge Ouvertüre zu William Shake­spear­es Tragödie Cym­be­line. Dabei han­delt es sich (nach dem Vor­bild von Beethovens Cori­olan-Ouvertüre) um eine Konz­er­tou­vertüre, denn für diese damals neue Gat­tung diente die lit­er­arische Vor­lage nur als Anre­gung, um Charak­ter­stücke zu schreiben.
Das BBC Nation­al Orches­tra of Wales (NOW) spielt das alles sehr leb­haft und klangschön, find­et einen guten Mit­tel­weg zwis­chen Präg­nanz und Leichtigkeit, wobei die Akustik der BBC Hod­dinott Hall in Cardiff an den dicht­esten Stellen eine Spur zu hal­lig herüberkommt. Der englis­che Diri­gent Howard Grif­fiths wirkt wie immer sehr stil­sich­er. Schade nur, dass er das NOW in der Ouvertüre ein wenig zu hur­tig antreibt.
Die junge Solistin Claire Huang­ci trifft sehr gut den spielerischen Charak­ter dieser Musik, hebt ihren Klavier­part deut­lich über das zu jen­er Zeit übliche, ober­fläch­lich vir­tu­ose Gek­lin­gel hinaus.
Ingo Hoddick