Johannes Brahms

Symphony No. 1/ Haydn-Variations

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg. Paavo Järvi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: RCA Red Seal/Sony Music 19075 86955 2
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 71

Eine Stern­stunde mit Brahms! Von der ersten Note an wird man in der ersten Sym­phonie von Johannes Brahms von der drän­gen­den Energie einge­fan­gen, die Paa­vo Järvi mit „sein­er“ Kam­mer­phil­har­monie erzeugt. Der agile Orch­esterk­lang, die opti­male Trans­parenz, die Durchgestal­tung jed­er einzel­nen Stimme, die dynamis­che Span­nweite, die Verdeut­lichung der rhyth­mis­chen Vielschichtigkeit sind einige Ele­mente, die diese Ein­spielung ausze­ich­nen. Paa­vo Järvi ist auch ein Meis­ter des Span­nungsauf­baus. Exem­plar­isch möge hier neben der Eröff­nung der Sym­phonie die Intro­duk­tion zum 4. Satz genan­nt wer­den, wo jedes einzelne Pizzi­ca­to zum Ereig­nis wird.
Die Sym­biose zwis­chen Diri­gent und Orch­ester zeigt sich in einem lei­den­schaftlichen Musizieren, das kei­ne Sen­ti­men­tal­ität zulässt. Die Musik verdeut­licht so in der für die Deutsche Kam­mer­phil­har­monie Bre­men typ­is­chen Klangkul­tur in ide­al­er Weise das, was Michael Struck im sehr infor­ma­tiv­en Book­let auf einen kurzen Nen­ner bringt: „Brahms’ ‚Erster‘ man­gelt es wahrlich nicht an sym­phonis­ch­er Sprengkraft!“ Es ist eine bezwin­gende, aufre­gende Inter­pre­ta­tion, die das Ergeb­nis ein­er inten­siv­en Beschäf­ti­gung mit dem späten Erstling des Kom­pon­is­ten darstellt. Darüber hin­aus ist sie die musikalisch logis­che Kon­se­quenz aus der vor­ange­gan­genen Beschäf­ti­gung mit den Sym­phonien von Beethoven und Schu­mann sowie der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is.
Nach diesem Hör­erleb­nis sind die Vari­a­tio­nen über ein The­ma von Haydn op. 56a ein sin­nvoller und notwendi­ger Kon­trast, der die Hochspan­nung qua­si durch die Rei­hungs­form zurück­führt. Brahms bre­it­et in seinem 1873 zunächst als Fas­sung für zwei Klaviere ent­stande­nen Werk seinen ganzen Kos­mos der Vari­a­tion­skun­st aus, und die Qual­itäten der Inter­pre­ten führen auch hier zu ein­er exem­plar­ischen Auf­nahme.
Sel­ten wird die Mehrschichtigkeit des Orch­ester­satzes so plas­tisch dargestellt wie beispiel­sweise in der drit­ten und vierten Vari­a­tion. Bril­lant die Leicht­füßigkeit der fün­ften und der Wech­sel zur markan­ten Rhyth­mik der näch­sten Vari­a­tion! Mit dem fol­gen­den Sizil­iano geht der Blick von Brahms zurück – mit ein­drucksvoll her­vorge­hoben­er Vio­la im Mit­tel­teil –, um unmit­tel­bar mit einem leise dahin­huschen­den, ger­adezu geis­ter­haft wirk­enden Scher­zo wieder in der kom­pos­i­torischen Gegen­wart anzukom­men, bevor mit ein­er Pas­sacaglia als krö­nen­dem Finale sich Brahms auf seine Art wieder mit der Tra­di­tion auseinan­der­set­zt.
Die Bre­mer unter Paa­vo Järvi sind nicht nur Genauigkeits­fa­natik­er, was die Umset­zung und Inten­tion des Noten­textes ange­ht, sodass man sich kaum eine exak­tere Wieder­gabe der kom­pos­i­torischen Absicht­en denken kann, son­dern sie sprühen eben­so vor Musizier­lust, die sich im Konz­ert­saal und auch auf dieser CD ein­stellt. Die Ausze­ich­nung der bere­its erschiene­nen 2. Sym­phonie von Brahms (siehe das Orch­ester 3/2018, S. 67) mit dem Opus Klas­sik als „Sin­fonis­che Ein­spielung des Jahres (Musik des 19. Jahrhun­derts)“ kön­nte auch für die vor­liegende Ein­spielung gel­ten.
Herib­ert Haase