Leopold von der Pals

Symphony No. 1/Frühling/Herbst/Wieland der Schmied

Helsingborg Symphony Orchestra, Ltg. Johannes Goritzki

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 555 117-2
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 67

Erneut betritt Johannes Goritz­ki als engagiert­er Anwalt nahezu vergesse­nen Reper­toires Neu­land. Denn selb­st in Musiken­zyk­lopä­di­en find­et sich der Name Leopold van der Pals’ sel­ten, was vielle­icht mit dessen Mul­ti­kul­tur­al­ität zusam­men­hängt, die ihn an weit auseinan­der­liegen­den Orten dank der Musik immer eine Heimat find­en ließ. Der 1884 geborene Sohn eines nieder­ländis­chen Kon­suls und ein­er Dänin aus Kom­pon­is­ten­fam­i­lie, die sich in den höheren Kreisen der St. Peters­burg­er Gesellschaft bewegte, ver­legte seinen geografis­chen Mit­telpunkt zunehmend auf die Schweiz. In Lau­sanne erhielt er den Fein­schliff in Kon­tra­punkt und Har­monielehre. Zwis­chen­zeitlich lebte van der Pals im kaiserzeitlichen Berlin, bis zum Todes­jahr 1966 dann in Dor­nach südlich von Basel.
1907 erhielt er die Gele­gen­heit, außer in Berlin, wo er sich bei Rein­hold Glière aus­bilden ließ, von diesem auch im franzö­sis­chen Biar­ritz unter­wiesen zu wer­den. Unter dem Ein­fluss von Rudolf Stein­ers Büch­ern und einem finnis­chen Som­mer schrieb er seine 1. Sym­phonie fis-Moll in einem Zeitraum von zwei Jahren nieder. Ihr Stil, den man in jed­er Hin­sicht als paneu­ropäisch beze­ich­nen kann, der aber im Unter­schied zum Werk zeit­genös­sis­ch­er Kol­le­gen ohne har­monis­che Inno­va­tio­nen auskommt, ist ganz und gar spätro­man­tisch. Anders als bei der fünf Jahre später kom­ponierten sym­phonis­chen Dich­tung Wieland der Schmied ist die ver­spätete Anlehnung an Wag­n­er noch nicht so deut­lich.
Im Fall des Poems Herb­st aus dem Jahr 1911, das auf Früh­ling (1910) fol­gte, ver­weist van der Pals selb­st auf das Erleb­nis der Münch­n­er Urauf­führung von Mahlers 8. Sym­phonie Es-Dur als Quelle der Inspi­ra­tion. Der geplante Jahreszeiten­zyk­lus fand keine Fort­set­zung, die bei­den vorhan­de­nen Teile ste­hen aber ohne­hin im Zusam­men­hang von Auf­blühen und Verge­hen der Natur.
Hör­bar ist an der Auf­nahme mit den glanzvoll und in starken Klang­far­ben mal­en­den Hels­ing­borg­er Sym­phonikern, dass ihr Leit­er Johannes Goritz­ki das Schw­ergewicht nicht auf die Indi­vid­u­al­ität der von Erden­schwere wie Leichtigkeit geprägten Werke legt. Vielmehr sucht er den erwäh­n­ten ekla­tan­ten „europäis­chen“ Quer­schnitt dieser Musik abzu­bilden. Mehr als an Wag­n­er erin­nert seine Inter­pre­ta­tion so an Bizets, d’Indys oder Svend­sens schwel­gende Melodik und Har­monik, eher an vorim­pres­sion­is­tis­che Pastell­gemälde sowie manche von Innigkeit getra­gene Kom­po­si­tio­nen des jun­gen Gade als an die emo­tion­al zuge­spitzte Tragik nordisch-mythol­o­gis­ch­er Opern des vorherge­hen­den Jahrhun­derts. Ander­er­seits erzwingt die Charak­ter­isierung der Fig­ur Wieland der Schmied eine nicht wegzudeu­tende Drastik zwis­chen Trauer, Groll und Wut, die das schwedis­che Orch­ester angemessen mitzu­vol­lziehen ver­ste­ht.
Hanns-Peter Med­er­er