Ludwig van Beethoven

Symphony 9

Regula Mühlemann (Sopran), Marie-Claude Chappuis (Alt), Maximilian Schmitt (Tenor), Thomas E. Bauer (Bariton), NFM Choir, Kammerorchester Basel, Ltg. Giovanni Antonini

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 19075870962
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 69

Lud­wig van Beethovens 9. Sym­phonie war ein Aus­nah­mew­erk. In seinem Œuvre. In der Musikgeschichte. In der Men­schheits­geschichte. Seit 2001 gehört das Auto­graf zum UNESCO-Welt­doku­mentenerbe, und die Freuden­melodie aus dem Chor­fi­nale repräsen­tiert als Europahymne einen ganzen Kon­ti­nent. Durch die Ein­beziehung von Gesang wurde die Gat­tung der Sym­phonie, welche von ein­flussre­ichen Ästhetik­ern zu Beginn des 19. Jahrhun­derts als Muster­gat­tung der Instru­men­tal­musik beze­ich­net und zum Zen­trum absoluter Musik stil­isiert wurde, ger­adezu erschüt­tert.
Vieles wäre ein­fach­er gewe­sen, wenn Beethoven seine 10. Sym­phonie noch hätte vol­len­den kön­nen. Wäre diese wieder rein instru­men­tal gewe­sen, so wäre der Aus­nah­mecharak­ter der Neun­ten als Son­der­fall bestätigt gewe­sen. Bei ein­er erneuten Öff­nung hin zur Vokalmusik hätte man hinge­gen von ein­er stärk­er gesicherten neuen Ten­denz aus­ge­hen kön­nen, die Beethoven damit für die Zukun­ft vorgibt. Aber die Neunte wurde zu Beethovens Opus ulti­mum auf dem Gebi­et der Sym­phonie und zugle­ich zum Aus­gangspunkt engagiert­er Diskurse über die Zukun­ft der Gat­tung und die Frage, inwiefern die Ver­mis­chung mit Vokalmusik das Ende von tra­di­tionellen Gat­tungs­gren­zen bedeutet.
Dieser Aus­nah­mecharak­ter der Neun­ten stellt Inter­pre­ten immer wieder aufs Neue vor enorme Her­aus­forderun­gen. Dies gilt nicht nur für die vokalen Anteile im Chor­fi­nale, son­dern auch für die übri­gen Sätze. Der Kon­trast zwis­chen höch­ster Dra­matik und tief­stem Gefühlsaus­druck, zwis­chen Ver­störung und erlösender Befreiung ist in der Neun­ten so stark aus­geprägt wie in kaum einem anderen Werk.
Gio­van­ni Antoni­nis Diri­gat zeich­net sich durch hoch­präzise Rhyth­mik und ins­ge­samt durch­weg rasch gewählte Tem­pi aus. Namentlich die Dra­matik der sich im Kopf­satz öff­nen­den Abgründe wird hier­durch dem Hör­er auf direk­tem Weg unverblümt trans­par­ent gemacht. Die Wehmut des Ada­gio-Satzes gerät hier­durch allerd­ings in den Hin­ter­grund zugun­sten ein­er sach­lichen Nüchtern­heit. Diese eröffnet einen anderen, gewiss nicht min­der inter­es­san­ten Blick auf das Werk, führt gle­ich­wohl aber auch zu gewis­sen Irri­ta­tio­nen. Abso­lut gelun­gen ist hinge­gen das Zusam­men­wirken zwis­chen Solis­ten, Chor und Orch­ester im Final­satz. Antoni­ni trifft dabei genau die richtige Bal­ance, der es bedarf, um den Gesangssolis­ten aus­re­ichend Raum zu geben, sich frei zu ent­fal­ten, ohne sich gegen eine orches­trale Über­ma­cht durch­set­zen zu müssen. Dabei kommt den Sängern auch die dün­nere Stre­icherbe­set­zung des Kam­merorch­esters Basel ent­ge­gen. Beson­ders besticht zudem der NFM Choir mit einem über­aus war­men und volu­minösen Ton.
Abgerun­det wird die Ein­spielung durch ein detail­re­ich­es Book­let, welch­es neben dem Text des Chor­fi­nales auch zahlre­iche musik­an­a­lytis­che Aspek­te the­ma­tisiert
sowie Infor­ma­tio­nen zur Entste­hungs- und Rezep­tion­s­geschichte ver­mit­telt.
Bernd Wladi­ka