Gustav Mahler

Symphonischer Satz für Orchester „Blumine“

hg. von Christian Rudolf Riedel

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 61

Es gibt bei Mahlers Sin­fonien, die heute ja zum Kern­reper­to­rie aller großen Orch­ester gehören, ein paar nicht ein­deutig zu entschei­dende, aber für das Verständnis der Werke sehr rel­e­vante Prob­leme mit den Lesarten. Was ist nun die richtige Rei­hen­folge der Binnensätze in der sech­sten Sin­fonie, und wie ste­ht es um den drit­ten Ham­mer­schlag im Finale dieser Sin­fonie? Warum hat Mahler ihn gestrichen, gehört er nicht doch zum Stück?
Eine andere offene Frage ist bei der ersten Sin­fonie, die erst lange nach der Entste­hung die heute übliche Gestalt erhielt, die Ver­wen­dung des von Mahler später eli­m­inierten ursprünglichen zweit­en Satzes mit dem poet­is­chen, an Jean Paul angelehn­ten Titel „Blu­mine“. Das ser­e­naden­hafte Stück mit dem prägenden Trompe­ten-Solo taucht immer mal wieder im Konzertleben auf, weil es manche Diri­gen­ten doch gerne als Teil der ersten Sin­fonie musizieren.
Bei seinen Stuttgarter Mahler-Konz­erten mit dem dama­li­gen Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR hat­te Roger Nor­ring­ton sein­erzeit sog­ar in ein­er Einführungsrede seine wohl erst im Lauf der Arbeit an der Ersten gewach­sene Entschei­dung, „Blu­mine“ zu spie­len, begründet. In Ham­burg führte später Thomas Hen­gel­brock mit dem NDR Elbphil­har­monie Orch­ester die Erste mit „Blu­mine“ ganz in der bis dato unbekan­nten frühen Ham­burg­er Fas­sung auf.
Im Zuge ein­er neuen tex­tkri­tis­chen Mahler-Sin­fonien-Edi­tion mit neuem Noten­satz hat der Ver­lag Bre­itkopf & Härtel im 300. Jahr seines Beste­hens nun als ersten Band die erste Sin­fonie vorgelegt, mal als Leinen­band mit „Blu­mine“, mal broschiert ohne – und als eigenes Heft auch „Blu­mine“ extra. Es ist sehr erfreulich, dass damit nun auch dank des vorzüglich gelun­genen Satzes eine sehr gut les­bare Par­ti­tur des „Blumine“-Satzes vor­liegt und für die Prax­is leicht greif­bar ist.
Ein weit­er­er wesentlich­er Gewinn der neuen Edi­tion ist es, dass hier auch die Par­ti­turab­schrift für die Ham­burg­er Aufführung 1893 in den Blick genom­men, ja als zulet­zt überlieferte Fas­sung sog­ar zur Haup­tquelle wurde. Sie wurde von Mahler rev­i­diert und für die Aufführungen in Ham­burg und später in Weimar benutzt. Und bekan­ntlich hat Mahler nach Aufführungen ja meist nach den prak­tis­chen Erfahrun­gen den Noten­text verändert.
Der vor­liegende Noten­band bringt neben einem grundle­gen­den Vor­wort des Her­aus­ge­bers, das die Idee dieser Edi­tion vorstellt, auch zwei kom­pak­te, aber den­noch höchst fundierte und sub­stanzielle Beiträge des 89-jährigen Ham­burg­er Musik­wis­senschaftlers und Mahler-Forsch­ers Con­stan­tin Floros zu Mahlers Sin­fonien im All­ge­meinen und ersten Sin­fonie im Beson­deren. Floros ist ja der Vertreter ein­er Mahler-Deu­tung, die dem pro­gram­ma­tis­chen Sin­nge­halt dieser Musik nachspürt – und er ver­tritt damit die Gegen­po­si­tion zu Theodor W. Adornos Mahler-Sicht. Floros zitiert in seinem Text Adorno ganz ohne Polemik, aber das ist genug.
Fürs Erste ist dieses ver­di­en­stvolle Edi­tion­spro­jekt eine Sache für die Prax­is, es wäre schön, wenn es später auch Stu­di­en­par­ti­turen gäbe.
Karl Georg Berg