Emilie Mayer

Symphonies Nos 6 & 3

Philharmonisches Orchester ­Bremerhaven, Ltg. Marc Niemann

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Hänssler Classic
erschienen in: das Orchester 12/2022 , Seite 67

> Emi­lie May­er war mit Abstand die pro­duk­tivste Kom­pon­istin des 19. Jahrhun­derts. Mit acht Sin­fonien, 15 Ouvertüren und zehn Stre­ichquar­tet­ten beschränk­te sie sich keines­falls auf die den Frauen zugedacht­en „häus­lichen“ Gat­tun­gen. Auch die Her­ren Musikkri­tik­er bestätigten ihre Begabung – wenn auch manch­mal wider­strebend. Nach ihrem Tod geri­et sie schnell in Vergessen­heit, weil sie keine Lob­by hatte.
Auf der Suche nach mehr Vielfalt in den Konz­ert­pro­gram­men wird Emi­lie May­ers Musik seit ein paar Jahren wieder­ent­deckt. Doch bish­er kann man die Tonauf­nah­men an ein­er Hand abzählen. Das Phil­har­monis­che Orch­ester Bre­mer­haven und sein Chef Marc Nie­mann bere­ich­ern den Bestand nun um eine far­ben­fro­he Ein­spielung von zwei Mayer-Sinfonien.
Emi­lie May­er kam 1812 im meck­len­bur­gis­chen Fried­land zur Welt. Als Fün­fjährige erhielt sie ersten Klavierun­ter­richt beim Kan­tor des Städtchens, der sie zum Schreiben eigen­er Stücke ermutigte. Sie blieb unver­heiratet, um die Kun­st nicht aufgeben zu müssen. Als der Vater starb, pack­te die 29-Jährige ihre Kof­fer und zog nach Stet­tin. Hier nahm sie bei Carl Loewe Unter­richt, der ihre ersten bei­den Sin­fonien aufführte.
Dieser Erfolg ver­lieh Emi­lie May­er 1850 den Mut, nach Berlin zu gehen und eine Ver­anstal­tung mit eige­nen Kom­po­si­tio­nen im Königlichen Schaus­piel­haus am Berlin­er Gen­dar­men­markt zu organisieren.
Hier erk­lang ihre dritte Sin­fonie. Das unbeschw­erte Stück hat einen klas­sis­chen Auf­bau, erin­nert an Haydn und Mendelssohn; abgeschmeckt mit ein­er ele­gan­ten Prise Rossi­ni. May­ers indi­vidu­elle Ton­sprache zeigt sich in den knap­pen the­ma­tis­chen Ein­fällen und ein­er Durch­führungsar­beit, die weniger har­monisch ver­webt, son­dern eher mon­tiert. Kon­traste ste­hen unver­mit­telt nebeneinander.
Man spürt den Auf­bruchs­geist der Roman­tik: plöt­zliche Stim­mungswech­sel, har­monis­che Kühn­heit­en, motorische Kraft. Die Dritte trägt den Beina­men „mil­i­taire“ und dürfte unter dem Ein­druck der Berlin­er Vor­märz-Straßenkämpfe ent­standen sein. Das Finale lebt von tem­pera­mentvollen Mil­itär­musikgesten mit großer Trom­mel, Beck­en und Pic­co­lo. Wollte Emi­lie May­er zeigen, dass der Krieg vor allem Leid bringt? Die langsame Ein­leitung zum Finale ver­strömt in Marc Nie­manns Inter­pre­ta­tion jeden­falls eine tiefe Melancholie.
Emi­lie May­ers erster Berlin­er Auftritt war so erfol­gre­ich, dass sie for­t­an alljährlich ein Konz­ert am Gen­dar­men­markt ver­anstal­tete und dafür immer wieder neue Werke schrieb. Ziel­stre­big organ­isierte sie; pflegte Kon­tak­te mit Musiker:innen, Orch­estern und Verlagen.
1853 wurde ihre sech­ste Sin­fonie uraufge­führt, die stärk­er dem Ton­fall Beethovens verpflichtet ist. Marc Nie­mann lässt hier emo­tionale Tiefe durch die klas­sizis­tis­che Form scheinen. Zum Beispiel eine fein nuancierte Wehmut im Trauer­marsch, der jen­em in Beethovens Eroica ähnelt. Dem spiel­tech­nisch hohen Niveau der Par­ti­tur wer­den die Phi­har­moniker aus Bre­mer­haven vol­lauf gerecht. Marc Nie­mann bringt die fil­igrane Struk­tur unter einen großen Bogen.
Antje Rößler