Felix Mendelssohn Bartholdy

Symphonies Nos. 4 & 5

NDR Radiophilharmonie, Ltg. Andrew Manze

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Pentatone PTC 5186 611, SACD
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 71

Schon die erste CD mit der ersten Sin­fonie und der „Schot­tis­chen“ von Mendelssohn, gespielt von der NDR Radio­phil­har­monie aus Han­nover unter ihrem Chefdiri­gen­ten Andrew Manze, fand zu Recht über­aus pos­i­tive Res­o­nanz. Nun liegt, wom­öglich als Teil eines Zyk­lus, zu dem dann noch die Lobge­sang-Sin­fonie fehlen würde, eine Super Audio CD mit der „Ital­ienis­chen“ von Mendelssohn und der „Refor­ma­tions-Sin­fonie“ mit diesen Inter­pre­ten vor. Und die Wirkung ist fast noch stärk­er.
Der Geiger und Diri­gent Andrew Manze kommt aus der Orig­i­nalk­lang­be­we­gung und stand zeitweilig an der Spitze des leg­endären Eng­lish Con­cert. Nun leit­et er ein „klas­sis­ches“ Sin­fonieorch­ester, das als ehe­ma­liges Rund­funko­rch­ester des NDR ein bre­ites Reper­toire weit über die soge­nan­nte E-Musik hin­aus abgedeckt hat und noch immer abdeckt. Es ist also kein Spezialensemb­le für his­torische Auf­führung­sprax­is, doch das war das dama­lige RSO Stuttgart vor dem Amt­santritt von Roger Nor­ring­ton auch nicht. Von diesem gibt es unter Nor­ring­ton ja auch die vier Mendelssohn-Sin­fonien ohne Lobge­sang in ein­er his­torisch informierten Ein­spielung.
Manze macht mit seinem Han­nover­an­er Mendelssohn bei den Sin­fonien 4 und 5 seinem Lands­mann gehörig Konkur­renz. In vie­len Momenten – wenn es kaum oder gar kein Vibra­to gibt, einen trans­par­enten Klang, eine sprechende Artiku­la­tion und Phrasierung – fol­gen bei­de analo­gen Ide­alen. Was Manze mit seinem auch hier exzel­lent spie­len­den und klangtech­nisch opti­mal einge­fan­genen Orch­ester ein wenig mehr erre­icht, ist eine Verbindung von klas­sis­chem Form­sinn und ein­er tiefen Wärme und Innigkeit in der Empfind­ung. Hier wird immer sehr klar und dif­feren­ziert musiziert, sind die musikalis­chen Abläufe von innerem Leben erfüllt, gibt es zwin­gende Steigerun­gen und feurige Höhep­unk­te. Doch dazu ist ger­ade in der sehr facetten­re­ichen Ausar­beitung der Charak­tere die Liebe zu dieser Musik spür­bar.
Bei Andrew Manze und der NDR Radio­phil­har­monie wer­den diese bei­den Sin­fonien klar durch­schaut und zugle­ich auf ganz natür­liche Weise miter­lebt. Das ver­mit­telt ein großes Hörvergnü­gen. Bei der „Ital­ienis­chen“ teilt sich so die Lebens­freude der Eck­sätze auf wahrlich ani­mierende Weise mit, und in der „Refor­ma­tions-Sin­fonie“, die der Kom­pon­ist selb­st so wenig schätzte, wird die Würde und Größe des Werks vom ersten Satz bis zur Apoth­e­ose des Ein feste Burg-Chorals offen­bar. Sehr gut, dass auch die Über­leitungsmusik vor dem gle­ich­sam mys­tis­chen Ein­satz der Soloflöte mit dem Choral gespielt wird.
Die hier zu hören­den Sin­fonien Mendelssohns sind fest im Reper­toire ver­ankert, doch als Folge der düster­sten Zeit deutsch­er Geschichte wird Mendelssohn hierzu­lande noch immer gele­gentlich als zu leicht befun­den. Da ist eine Ref­eren­za­uf­nahme wie diese zu begrüßen, die dem Rang dieser Musik voll gerecht wird.
Karl Georg Berg