John Abraham Fisher

Symphonies Nos. 1–6

Petra Žd’árská (Cembalo), Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice, Ltg. Michael Halász

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.574254
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 75

Unter den englis­chen Kom­pon­is­ten soll er der erste gewe­sen sein, der eine in den Bere­ich des Unhör­baren reichende Fre­quenz als ppp notiert haben soll. Ob die ver­mut­lich nicht exakt über­prüfte Nachrede wahr ist oder nicht: Schon die Zeitgenossen bemerk­ten, dass sich im Werk des Lon­don­ers John Abra­ham Fish­er (1744–1806) Kon­ven­tion und Abwe­ichung begeg­neten. Let­zteres gilt vor allem für seine Büh­nen­stücke, ins­beson­dere für seine mit Shake­spear­es Orig­inal­text verse­hene Music for the Open­ing of Mac­beth; Ersteres ist auch heute seinen Vio­linkonz­erten anzuhören, die sich in har­monis­ch­er Hin­sicht kaum vom Stan­dard abheben.
Über­haupt scheint sich der vir­tu­ose Geiger, der mit 21 Jahren sein erstes Solokonz­ert am King’s The­atre gab, eher an die „Regeln“ des Sonaten­haupt­satzes gehal­ten zu haben. Im Hin­blick auf seine sechs Sym­phonien trifft dieses Urteil nicht zu, denn sie zeu­gen von einem kun­st­fer­ti­gen, an kon­ti­nen­tal­en Vor­bildern geschul­ten Mis­chstil, der auch über­raschend ein­set­zende Pas­sagen für Bläs­er ken­nt und die Stim­men­führung in höher­er Ton­lage ohne Basslin­ie zulässt. Auf­fäl­lig ist das aus­geweit­ete dynamis­che Spektrum.
Schon die 1. Sym­phonie E‑Dur der tschechis­chen Auf­nahme von Jan­u­ar 2020 zeich­net sich durch Orig­i­nal­ität und Abwech­slungsre­ich­tum aus: Ein fes­tlich-auf­fahren­der Ges­tus wird abgelöst von kon­trastieren­den Seit­enein­sätzen der Bläs­er, ele­gante Über­leitun­gen wer­den hergestellt, es wird eher auf die Inno­va­tio­nen der Mannheimer zurück­ge­grif­f­en als auf frühk­las­sis­che Muster. Es ist dabei alles andere als ein Zufall, dass zur Zeit der Entste­hung dieser Sym­phonien Joseph Haydn in Lon­don wirkte.
Her­aushören lässt sich dies etwa in der 2. Sym­phonie D‑Dur, in der eine präg­nant prononcierte Melodiefortschre­itung auf der Toni­ka den Ein­fluss erken­nen lässt. Elegisch und unentsch­ieden zwis­chen E‑Dur und fis-Moll chang­ierend erscheint das Andan­ti­no der 3. Sym­phonie, an das sich ein har­monisch angere­ichertes Presto assai, das in tänz­erisch verkürzten Peri­o­den ausklingt, mit bewegtem Bass anschließt.
Ein­prägsam und mit offenkundi­ger Ohrwur­mqual­ität bestrickt das Alle­gro di molto der 4. Sym­phonie B‑Dur den Hör­er, wobei die Entwick­lung des aus dem Bass auf­steigen­den Motivs eher herkömm­lich aus­fällt. Fan­tasievoll sind die Bläser­pas­sagen der 5. Sym­phonie D‑Dur gestal­tet. Der langjährige Diri­gent der Wiener Staat­sop­er, Michael Halász, spielt den unter­schiedlichen Charak­ter der Sym­phonien deut­lich aus.
Lei­der geht der Part der als Solistin in Tschechien gut bekan­nten, auf­streben­den Cem­bal­istin Petra Žd’árská im zwar klangschö­nen, aber hall­be­gren­zten Raum des Kul­turhaus­es von Par­du­bice häu­fig unter, obwohl das Tex­theft der CD ihre promi­nente Mitwirkung aus­drück­lich her­vorhebt. Den­noch: Es war höch­ste Zeit, hier die Stimme eines wenig beachteten Nach­barn Haydns vernehm­bar zu machen.
Hanns-Peter Mederer