Franz Schubert

Symphonies Nos. 1 & 5, Ouverture “Fierrabras”

Kammerorchester Basel, Ltg. Heinz Holliger

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Music
erschienen in: das Orchester 10/2019 , Seite 63

Nun spielt auch der ehemalige Star-Oboist Heinz Holliger mit dem Kammerorchester Basel sämtliche Sinfonien von Franz Schubert ein. Im Juni 2018 im Landgasthof im Schweizer Riehen aufgenommen, kamen nach der Großen C-Dur-Sinfonie D944 beim Label Sony Music zwei Jugendsinfonien heraus: die fünfte B-Dur D485 und die erste D-Dur D 82. Doch zuvor führt die weitaus später entstandene Ouvertüre zu der Oper Fierrabras D 796 den Hörer in Schuberts musikalischen Kosmos. Zu hören sind somit drei verschiedene Stilrichtungen, die sich in umgekehrter biografischer Reihenfolge präsentieren. Eigentlich keine uninteressante Zusammenstellung. Die romantischen Ouvertüren sind zur Handlung hinführender gestaltet als zu Zeiten Mozarts, als Ouvertüren in ihrer meist italienischen dreiteiligen Form noch wie Sinfonien aufgebaut waren. Obgleich nur die knapp neunminütige Fierrabras-Ouvertüre zu hören ist, nimmt die Oper im Booklet kurioserweise den größten Abschnitt ein, der eigentlich überflüssig wäre (die Tochter König Karls heißt übrigens nicht Elsa, sondern Emma). Später liest man weiter, dass die Ouvertüre „eine zerrissene Musik“ enthielte, die „zu Beginn dieser CD die ganze Spannweite von Schuberts Ausdruckswelt“ ausbreiten würde. Das trifft zwar im Wesentlichen auf seine Musik zu, dennoch ist gerade diese Auswahl wenig dazu geeignet, diese Zerrissenheit zu demonstrieren. Insbesondere entstand die mozartnahe B-Dur-Sinfonie in emotionaler Hochstimmung, als Schubert sich eingehend mit Mozarts Musik beschäftigte. Seine Tagebuchaufzeichnungen vom 13. Juni 1816 spiegeln da wenig Selbstzweifel wider: „Wie von ferne leise hallen mir noch die Zaubertöne von Mozarts Musik.“ Die erste dagegen zeigt den Ausdruck eines schier ungebändigten Gestaltungswillens und Feuers, das 1813 zu lodern begann und kompositorisch aufs Papier drängte. Deswegen muss auch keine „Patina des schülerhaften Frühwerks“ freigelegt werden – wobei heutzutage manch einer über solch eine „Schülerarbeit“ glücklich wäre. Die „Tiefendimensionen“, von welchen im Booklet die Rede ist und welche die erstere tatsächlich besitzt, werden nicht wirklich erst mit dieser Aufnahme herausgearbeitet; da gab es viele, zum Teil sehr prominente Vorgänger. Selbstverständlich vermeidet es Holliger durch frische Tempi und schlanken Gesamtklang, der in der Tiefe etwas zu kurz zu kommen scheint, die Musik irgendwelche Spinnweben ansetzen zu lassen oder sie vielleicht gar zu gemütlich herüberzubringen. Das Kammerorchester Basel spielt klar, sehr dynamisch, transparent auf hohem Niveau und scheint auf den kleinsten Fingerzeig zu reagieren. Dennoch verwundern manche deutlichen Temposchwankungen oder gar unnötigen Ritardandi, insbesondere im Scherzo-Trio gegen Schluss oder auch im Finalsatz während der Soli von Fagott und Flöte ab Takt 137. Auffällig ist die nachvollziehbare, klangliche Bevorzugung der Holzbläser, deren Stimmen Holliger doch mehr Raum lässt als andere, ältere Dirigenten.

Werner Bodendorff