Ludwig van Beethoven

Symphonies Nos. 1 & 2

Westdeutsche Sinfonia, Ltg. Dirk Joeres

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Heritage HTGCD BT1, CD + DVD
erschienen in: das Orchester 02/2017 , Seite 64

Die Rezep­tion­s­geschichte der Beethoven’schen Sin­fonien ist zugle­ich eine der ver­füg­baren Medi­en. Dien­ten im 19. Jahrhun­dert noch vier­händi­ge Klavier­auszüge dem Ken­nen­ler­nen der Werke dort, wo keine orches­tralen Auf­führun­gen stat­tfan­den, so hat der Siegeszug von Schallplat­te und CD im 20. Jahrhun­dert Beethovens sin­fonis­che Musik uni­versell ver­füg­bar gemacht. Die bildlichen Möglichkeit­en der DVD kom­men inzwis­chen hinzu, ob sie nun lediglich die Optik des Konz­ert­saals wiedergeben oder dazu dienen, Zusatz­in­for­ma­tio­nen zur erklin­gen­den Musik zu liefern.
Die let­ztere Möglichkeit nutzt die vor­liegende Edi­tion von Beethovens ersten zwei Sin­fonien als Start ein­er geplanten Gesamtveröf­fentlichung von dessen kom­plet­tem sin­fonis­chen Œuvre unter dem Titel Beethoven today. Auf ein­er beige­fügten Bonus-DVD führt Dirk Joeres, der Diri­gent der Ein­spielung, anhand von Klang­beispie­len in die bei­den Werke ein. Auch Ken­ner, die sich bere­its mit Beethovens Stil und Kom­po­si­tion­stech­nik auseinan­derge­set­zt haben, wer­den aus Joeres’ Aus­führun­gen Gewinn ziehen, die deut­lich machen, worin sich Beethovens Sin­fonien von den ver­gle­ich­baren Werken Mozarts oder Haydns abheben.
Spo­radisch geht Joeres auch auf Beethovens Skizzen ein; span­nend wäre es gewe­sen, wenn dieser Aspekt weit­er ver­tieft wor­den wäre, so wie es einst Leonard Bern­stein an Beethovens Fün­fter exem­pli­fiziert hat. Ein zusät­zlich­es Manko ist es, dass die tech­nis­chen Möglichkeit­en der DVD nicht aus­führlich­er genutzt wer­den: So kann man Joeres’ Erläuterun­gen nur in Englisch fol­gen und wird, was die deutsche Fas­sung bet­rifft, doch wieder nur auf die Über­set­zung im beiliegen­den Book­let verwiesen.
Wichtiger bleiben freilich die Liveein­spielun­gen von Beethovens Musik, bei denen Dirk Joeres die West­deutsche Sin­fo­nia Lev­erkusen leit­et, ein 1987 gegrün­detes Ensem­ble aus führen­den Musik­ern nor­drhein-west­fälis­ch­er Orch­ester. Beethovens sin­fonis­che Erstlinge erleben hier eine Inter­pre­ta­tion auf Höhe des gegen­wär­ti­gen Beethoven-Ver­ständ­niss­es. Der Orch­ester­satz, der eher bläser­be­tont erklingt, wirkt trans­par­ent, ja im Kopf­satz der Ersten mit seinen kurzgliedri­gen Inst­ru­mentendialogen ger­adezu kam­mer­musikalisch lebendig.
Dynamisch, artiku­la­torisch sowie in der Phrasen­bil­dung hal­ten sich Joeres und seine Musik­er eng an die Par­ti­tur Beethovens, was kleinere agogis­che Frei­heit­en nicht auss­chließt, wenn etwa im Menuett-Trio der Ersten der Elan bewusst gegenüber den Rah­menteilen gebremst wird. Meist aber geht die West­deutsche Sin­fo­nia mit großem Schwung ans Werk, ohne in Übertrei­bun­gen zu ver­fall­en, wie sie in manch zuge­spitzter Inter­pre­ta­tion der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is zu erleben sind. Indiz hier­für: der fast schon wieder zu dezente Ein­satz der Pauke. Was noch auf­fällt: Joeres lässt sein Orch­ester (außer bei Scher­zo-Reprisen) alle Wieder­hol­ungsze­ichen in Beethovens Par­ti­tur ernst nehmen.
Ger­hard Dietel