Brahms, Johannes

Symphonies 3 & 4

Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt, Ltg. Howard Griffiths

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Klanglogo KL 1514
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 67

Mit der vor­liegen­den Auf­nahme kom­plet­tieren die Bran­den­burg­er Musik­er ihre Gesamtein­spielung der vier Sym­phonien von Brahms. Und, um es gle­ich vor­wegzunehmen: Sie hal­ten nicht nur das Niveau, das sie mit den Sym­phonien 1 und 2 vorgegeben haben, sie steigern es sog­ar noch – ein echter Geheimtipp!
Grund­sät­zlich gel­ten die gle­ichen Beobach­tun­gen, die schon anlässlich der vor­ange­hen­den Ein­spielung gemacht wur­den: Das Frank­furter Staat­sor­ch­ester ist ein auf allen Posi­tio­nen hochw­er­tig und aus­geglichen beset­ztes Ensem­ble mit 86 Musik­ern. Sie musizieren into­na­tion­ssich­er und klangschön und mit spür­barem Engage­ment, angeleit­et von einem offen­sichtlich inspiri­eren­den Diri­gen­ten. Howard Grif­fiths’ Brahms-Deu­tung überzeugt durch ihr jed­erzeit durch­hör­bares Klang­pro­fil, durch entschlosse­nen Zugriff auf jeden einzel­nen Satzcharak­ter und immer wieder durch äußerst scharf kon­turi­erte Rhyth­mik, etwa im Finale der Drit­ten oder im scher­zoar­ti­gen drit­ten Satz der Vierten. Ger­ade dieses präg­nante rhyth­mis­che Pro­fil bekommt der Musik von Brahms sehr gut, zumal es über­haupt nicht auf Kosten klan­glich­er Sub­til­ität geht.
Die heiklen Horn­soli gelin­gen makel­los und frei von jed­er (hör­baren) Ner­vosität. Bemerkenswert sind wiederum die solis­tis­chen Holzbläs­er, die unge­mein präsent spie­len, jedoch ohne jede vorder­gründi­ge Auf­dringlichkeit. Und beson­ders her­vorheben muss man die unter­schiedlichen Reg­is­terkom­bi­na­tio­nen mehrerer Holzblasin­stru­mente, die ihre jew­eili­gen Par­al­lel­pas­sagen so into­na­tion­ssich­er und organ­isch präsen­tieren, als sei das die natür­lich­ste Sache der Welt.
Die Tem­pi, die Grif­fiths anschlägt, ver­mö­gen durch­weg zu überzeu­gen. Sie sind über­wiegend eher fließend, ohne jemals gehet­zt oder nervös zu wirken. Ganz beson­ders trifft das auf die bei­den ersten Sätze der Vierten zu, deren Kopf­satz erstaunlich leicht­füßig, jedoch ohne jede Unruhe daherkommt; dazu trägt nicht zulet­zt die so entspan­nte Phrasierung des Haupt­the­mas mit seinen jew­eils leicht verkürzten hal­ben Schw­er­punk­t­noten bei. Und auch das fol­gende Andante mod­er­a­to strömt gelassen, jedoch ohne die ihm häu­fig anhaf­tende pathetis­che Wucht – ein wirk­lich­es Andante. Dieser Ansatz bekommt den oft so mächtig auftrumpfend­en Brahms-Sym­phonien bestens – eine überzeu­gende Alter­na­tive zu wesentlich promi­nen­ter beset­zten Aufze­ich­nun­gen.
Ein weit­eres Mal haben wir hier also einen ein­drucksvollen Beleg für die Bre­ite und Aus­geglichen­heit des orches­tralen Niveaus in Deutsch­land vor uns, auch jen­seits der großen Spitzenensem­bles. Das Bran­den­bur­gis­che Staat­sor­ch­ester ste­ht hier exem­plar­isch für die gesamte deutsche „Orch­ester­land­schaft“ mit ihren nun­mehr nur noch 130 Kul­tur­orch­estern.
Arnold Wern­er-Jensen