Ludwig van Beethoven/Dmitri Schostakowitsch

Symphonies #1

Dresdner Philharmonie, Ltg. Michael Sanderling

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 70

Auch wenn die CD-Cov­er der neuen Serie der Dres­d­ner Phil­har­monie mit ihren pho­to­geshopt gek­leis­terten Porträts von Beethoven, Schostakow­itsch und dem Diri­gen­ten Michael Sander­ling grafisch irgend­wie nicht überzeu­gen, der Inhalt stimmt. Nach den Alben mit den Sym­phonien Nr. 6 (#6) sowie Eroica und Schostakow­itschs Nr. 10 (#3/10) wer­den als #1 nun die bei­den ersten Sym­phonien Beethovens und Schostakow­itschs kom­biniert.
Eine gute Idee, denn der Russe Dmitri Schostakow­itsch war seit sein­er Jugend ein Beethoven-Fan. Als Pianist spielte er häu­fig dessen Klavier­son­at­en und dirigierte bere­its als Stu­dent gerne dessen erste Sym­phonie – par­al­lel zur Kom­po­si­tion an sein­er Ersten. Noch in sein­er let­zten Sym­phonie (Nr. 15) ver­steck­te Schostakow­itsch gle­ich mehrere Beethoven-Zitate und sagte: „Bei Beethoven haben wir alles – Klas­sik und Roman­tik und 20. Jahrhun­dert.“ Ein ziem­lich mod­ernes State­ment. Lei­der erfährt man über diese Wech­sel­beziehun­gen im anson­sten infor­ma­tiv­en Book­let­text von Wolf­gang Stähr nichts. Das wäre bei einem solchen Konzep­tal­bum doch sin­nvoll gewe­sen.
Musikalisch ist diese CD jeden­falls eine glat­te Eins und beweist die wun­der­bare Union vom Chef Sander­ling mit der Dres­d­ner Phil­har­monie. Bere­its Beethovens oft gehörte Erste gefällt durch die detail­freudi­ge Aus­gestal­tung. Die trock­e­nen Akzente, die knack­i­gen Pauken und Blech­bläs­er fol­gen Kri­te­rien der „his­torisch informierten“ Auf­führung­sprax­is. Ander­er­seits ist das Klang­bild auf mod­er­nen Instru­menten, vor allem in den Stre­ich­ern, schön abgerun­det. Eine in der Span­nung nie nach­lassende und tem­por­e­iche Inter­pre­ta­tion ist das Ergeb­nis. Zudem ist es dem Orch­ester und der Ton­tech­nik gelun­gen, alle Instru­mente trans­par­ent abzu­bilden. Da macht das Hören Freude, da selb­st die laut­en Beethoven-Pas­sagen noch deut­lich kon­turi­ert sind, etwa in der die Coda des ersten Satzes (mit seinen auf­steigen­den Hörn­er-Trompe­ten-Fan­faren). Glühend gespielte Tremoli sor­gen eben­falls für viel Tem­pera­ment. Eine Beethoven-Sicht, die von Anfang bis Ende gefan­gen nimmt.
Dass Sander­ling ein­er der großen und zeit­losen Schostakow­itsch-Diri­gen­ten unser­er Tage ist, beweist er mit ein­er plas­tisch aus­ge­formten und hochex­pres­siv­en Inter­pre­ta­tion der f-Moll-Sym­phonie op. 16. Das Jugendw­erk von 1926 ist ohne­hin ein großer Wurf, der bere­its den ganzen Schostakow­itsch enthält. Trompeter und Holzbläs­er der Dres­d­ner Phil­har­monie tra­gen zur kon­trastre­ichen Durchgestal­tung der Par­ti­tur bei. Toll auch das Klavier-Solo am Ende des zweit­en Satzes (über­haupt ist der Pianopart her­vor­ra­gend gespielt). Das sich in mehreren Steigerun­gen auftür­mende und in den Stre­ich­ern stark ‚gesun­gene‘ Satz­paar Lento und Finale ist eben­falls ein High­light. Die CD beweist, dass bei der Dres­d­ner Phil­har­monie Musik ohne ober­fläch­liche Rou­tine gemacht wird. Bei ein­er reinen Stu­dio-Ein­spielung (hier aus der ein­wand­freien Lukaskirche) ist das beson­ders lobenswert. Matthias Corvin