Brahms, Johannes

Symphonies 1 & 2

Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt, Ltg. Howard Griffiths

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Klanglogo KL1513
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 79

Es gibt in Deutsch­land derzeit 131 „Kul­tur­orch­ester“ (ab 2016, nach der Fusion der bei­den SWR-Orch­ester, nur noch 130). Das ist die einzi­gar­tige deutsche Orch­ester­land­schaft, um die uns alle Welt benei­det und
die wir uns viel Geld kosten lassen. Im Bewusst­sein der über­re­gionalen Öffentlichkeit aber spie­len nur zehn bis zwanzig Orch­ester eine Rolle. Der Qual­ität­sun­ter­schied zwis­chen ihnen und dem großen „Rest“ ist jedoch bei Weit­em nicht so groß, wie diese Fest­stel­lung sug­geriert. Wie ger­ing er tat­säch­lich ist, das belegt die vor­liegende Neuauf­nahme der bei­den Brahms-Sym­phonien.
Das Bran­den­bur­gis­che Staat­sor­ch­ester aus dem „anderen“ Frank­furt gehört zu den ältesten und tra­di­tion­sre­ich­sten Klangkör­pern Deutsch­lands. Es ist an allen Pul­ten sehr aus­ge­wogen beset­zt und ver­fügt über eine hohe Spiel- und Klangkul­tur. Dass die Stre­ich­er nicht ganz den Glanz und die Leuchtkraft der promi­nen­ten Konkur­renz erre­ichen, ist so selb­stver­ständlich, dass man es eigentlich gar nicht erwäh­nen muss (schließlich ver­di­ent ein Geiger bei den Berlin­er Phil­har­monikern ein Mehrfach­es sein­er Kol­le­gen in Frank­furt). Trotz­dem: Ver­gle­icht man Auf­nah­men dieser Sym­phonien von den Berlin­er Phil­har­monikern oder vom WDR Sin­fonieorch­ester Köln mit jen­er der Bran­den­burg­er, dann beste­ht da ein gradu­eller, aber kein prinzip­ieller Unter­schied.
Bei diesem Ver­gle­ich wird wieder ein­mal evi­dent, wie stark das kün­st­lerische Ergeb­nis vom jew­eili­gen Diri­gen­ten abhängt: So kann eine Brahms-Sym­phonie auch in Berlin gele­gentlich lang­weilig ger­at­en und ein inspiri­eren­der Diri­gent sein Orch­ester in der „Prov­inz“ wiederum hör­bar zu Höch­stleis­tun­gen beflügeln. Im vor­liegen­den Fall will es scheinen, als habe Howard Grif­fiths eine inten­si­vere Beziehung zur 2. Sym­phonie von Brahms; sein­er „Ersten“ fehlt ein wenig die Wucht des Zupack­ens, Pathos ist nicht seine Sache. Ob man ander­er­seits die schick­sal­hafte Gewalt für angemessen hält, die etwa Kara­jan der Ein­leitung der Ersten ver­lei­ht, ist Geschmackssache.
Bei­de Werke sind sehr sorgfältig und detail­ver­liebt geprobt. Das orches­trale Niveau der Bran­den­burg­er ist staunenswert: Die Bläser­soli klin­gen makel­los, etwa die heiklen Hörn­er­soli in bei­den Sym­phonien. Und die Stre­ich­er bewälti­gen ihre anspruchsvollen Par­tien gle­icher­maßen into­na­tion­ssich­er. Ob man das kon­servierte Klang­bild überzeu­gend find­et, ist wiederum Geschmackssache: zum Beispiel, ob die ersten Geigen, ihrer Führungsrolle in der Par­ti­tur entsprechend, nicht doch etwas stärk­er führen dürften. Aber das ist vor allem eine Frage der Ton­tech­nik und des Diri­gen­ten, weniger der Spielkul­tur.
Man möchte dieser Ein­spielung also viel Erfolg und vor allem Hör­er wün­schen, die sich nicht von promi­nen­ten Namen ver­führen lassen, son­dern es auf einen ern­sthaften Ver­gle­ich ankom­men lassen. Dem so über­aus reich­halti­gen Konkur­ren­zange­bot ist diese CD jeden­falls gewach­sen.
Arnold Wern­er-Jensen