Anton Bruckner

Symphonien 1 & 9

Lucerne Festival Orchestra, Ltg. Claudio Abbado

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Accentus
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 73

Im Gedächt­nis blieb Clau­dio Abba­do den meis­ten beson­ders als her­aus­ra­gen­der Inter­pret der Sin­fonien Gus­tav Mahlers. Erst spät, in seinen let­zten Leben­s­jahren, kam der Ital­iener zu Anton Bruck­n­er. Das Konz­ert am 26. August 2013 in Luzern, getra­gen wohl schon von der Vorah­nung, dass es sein let­ztes sein würde, bescherte außergewöhn­liche Stern­stun­den. Der damals 80-Jährige stellte Schu­berts Unvol­len­dete, auf dieser CD lei­der nicht enthal­ten, neben Bruck­n­ers Neunte. Ich saß damals im Pub­likum und fühlte mich an den genialen Bruck­n­er-Diri­gen­ten Sergiu Celi­bidache erin­nert. Angesichts der extrem unter­schiedlichen Per­sön­lichkeit­en dieser bei­den Aus­nah­mekün­stler mag das verblüf­fen, erk­lärt sich wohl aber im Hin­blick auf ihre Wieder­gaben bes­tim­mende Spir­i­tu­al­ität und Entrück­theit.
Der späte luzide, tran­szen­dente Musizier­stil, den Abba­do aus­prägte, hat­te freilich mit sein­er Kreb­serkrankung zu tun, die er lange Zeit wun­der­sam mit der Musik zu besiegen schien. Er ver­mit­telt sich sehr ein­drück­lich in dem Konz­ert­mitschnitt, vorzugsweise, wenn die Musik ganz, ganz leise und jen­seit­ig wird wie im eröff­nen­den „Feier­lich, mis­te­rioso“ und im langsamen, feier­lichen Ada­gio. Und was für ein magis­ch­er Moment, wenn in diesem Satz auf ein­mal die Dra­matik vor den Vio­li­nen weicht, die mit schw­erelosen ely­sis­chen hohen Schwe­betö­nen engels­gle­ich das Licht in die Musik zurück­brin­gen. Zu ein­er Offen­barung wer­den diese Sätze freilich auch dank des lux­u­riösen Lucerne Fes­ti­val Orches­tra, in dem sich mit aus­gewählten Fre­un­den des Diri­gen­ten her­aus­ra­gende Solis­ten ver­sam­meln. Nie­mand kön­nte die Flöten- und Oboen­soli zärtlich­er und anrühren­der spie­len.
Zu Abba­dos Spezial­itäten gehört es gle­ich­falls, die Zeit anzuhal­ten, wenn die Musik auf eine Gen­er­al­pause, Fer­mate oder eine Zäsur zus­teuert, und in Momenten totaler Stille die Span­nung zu wahren. Das Ver­hallen machtvoller Posaunen­klänge bis zur Unhör­barkeit ist bes­timmt von einem andächti­gen Nach­lauschen. Bei alle­dem besitzt Abba­do in jedem Satz zwis­chen Brüchen und Neuan­fän­gen stets ein Gespür für den großen Bogen.
Der zweite Mitschnitt aus dem Jahr 2012 mit Bruck­n­ers viel zu sel­ten aufge­führter Erster beschert musikalisch eine eben­so tre­f­fliche Ein­studierung, nur dass hier, vor allem in dem vulka­nis­chen, kraft­strotzen­den Finale, die Begren­ztheit­en mod­ern­er Auf­nah­me­tech­nik schw­er­er ins Gewicht fall­en. Die For­tis­si­mo-Klänge tönen etwas klo­big und klotzig. Live in der wun­der­baren „Salle blanche“ hörte sich das anders an: trans­par­enter, reich­er im klan­glichen Spek­trum und kom­pak­ter. Dies auch dank adäquater, bedächtiger, nie zu schneller Tem­pi. Abba­do gibt der Musik in ihrem Fortschre­it­en alle Zeit der Welt. Da sind wir wieder bei Celi­bidache; der wuss­te schon, warum er die Kon­serve ablehnte.
Am Schön­sten in diesem Mitschnitt ist das energiege­ladene Scher­zo mit seinem verin­ner­licht­en Trio. Das kecke Haupt­mo­tiv erin­nert fast ein biss­chen an die Ton­sprache Prokof­jews, her­rlich erfrischend von Abba­do mit seinem Fre­un­des­or­ch­ester musiziert, set­zt es sich wie ein Ohrwurm beim Hör­er fest.
Kirsten Liese