Ludwig van Beethoven

Symphonien 1–9

Berliner Philharmoniker, Ltg. Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Phil Media BPHR 160093
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 65

Gesam­tauf­nah­men der neun Beethoven-Sym­phonien gibt es mehr als genug. Haben wir trotz­dem auf die neue Ein­spielung von Simon Rat­tle mit seinem Eli­te­orch­ester gewartet? Bringt sie uns neue Erken­nt­nisse, brauchen wir sie? Natür­lich ist es nachvol­lziehbar, dass der schei­dende Chef es seinen Vorgängern gle­ich­tun und auch seine Sicht der Dinge der Nach­welt präsen­tieren möchte.
Die beson­dere Qual­ität dieses Orch­esters ste­ht außer Frage, sie bedurfte keines neuen Belegs. Und auch auf diesen, aus mehreren Liveauftrit­ten (2015) erstell­ten CDs demon­stri­eren die Musik­er ihre umw­er­fende Vir­tu­osität. Dazu ani­miert wer­den sie durch ihren Chef, ins­beson­dere in manchen ras­an­ten Tem­pi, denen allerd­ings doch manch­es Detail vor allem in mehreren Scher­zo- und Final­sätzen zum Opfer fällt. Charak­ter­is­tisch ist die fast maschinell daherk­om­mende Präzi­sion des Orch­ester­spiels; man fragt sich gele­gentlich, ob nicht ein Metronom statt eines lebendi­gen Diri­gen­ten gere­icht hätte (Finale 1. Sym­phonie).
Ins­ge­samt ist der über­wiegende Ein­druck, zumin­d­est in vie­len schnellen Sätzen, der eines nervösen Gehet­zt­seins, eines ständi­gen Vor­wärts­dranges und Angetrieben­seins. Das liegt weniger an den gewählten Grundtem­pi, die sich offen­sichtlich an Beethovens eige­nen (umstrit­te­nen) Metrono­mangaben zu ori­en­tieren scheinen. Was fehlt, ist vielmehr innere Gelassen­heit, ein Lock­er­lassen der Zügel, ein entspan­nteres, freieres Musizieren dieser so exzel­len­ten Musik­ervere­ini­gung. Eher sel­ten lässt Rat­tle solche Frei­heit­en zu, lässt der Musik Zeit zu atmen, gön­nt ihr agogis­che Frei­heit­en. Umso über­raschen­der ist es dann, wenn er für einige der langsamen Sätze auf­fal­l­end ruhige Tem­pi wählt, etwa in der Vierten oder – be­sonders uner­wartet – im Alle­gret­to der Siebten, das hier wieder ein­mal zum Trauer­marsch gedehnt wird.
Es ist eine Grund­satzfrage der Beethoven-Inter­pre­ta­tion, ob und wie viel Pathos man zulässt. Nicht ganz uner­wartet inter­essieren Rat­tle musikalis­che Details stärk­er als weltan­schauliche Aus­sagen und Über­höhun­gen. So verzichtet er im Kopf­satz der Eroica auf alles Held­is­che und eilt stattdessen mit großer inner­er Dis­tanz durch diesen kom­plex­en Satz. Zu diesem Ansatz passen die bei­den eröff­nen­den Tut­tis­chläge, die Rat­tle nur beiläu­fig krachen lässt, als seien sie lästige Zutat. Und die so oft zur Schick­salsmusik über­höhte Fün­fte wird, zumin­d­est in den drei schnellen Sätzen, ger­adezu vor­wärts­gepeitscht. Der sportliche Aspekt des Musizierens wird hier bis an seine Gren­zen aus­gereizt. Zwar wird auch im schnell­sten Tem­po kein Ton aus­ge­lassen, aber man spürt doch den per­ma­nen­ten Druck, dem die Musik­er – vor allem die Bläser­solis­ten – aus­ge­set­zt sind.
Ein inter­pre­ta­torisches Gesamtkonzept lässt sich in diesen Auf­nah­men kaum erken­nen. Rat­tle mei­det, wie gesagt, jedes Pathos und neigt hör­bar den eher „absoluten“ Sym­phonien zu, die nicht im Ver­dacht weltan­schaulich­er Aus­sagen ste­hen. Und doch verblüfft dann die Wieder­gabe der Pas­torale, in der die Musik auf ein­mal frei auss­chwin­gen und atmen darf und in der Rat­tle betörende Übergänge gelin­gen wie der zwis­chen viertem und fün­ftem Satz. Die „Szene am Bach“ wird gar zum Muster­beispiel entspan­nten, aus­drucksvollen Musizierens, und das abschließende kleine Vogelkonz­ert hat man kaum jemals so ein­dringlich hören kön­nen.
Dass Rat­tle das Finale der Neun­ten zu einem mächti­gen Tableau der Vokal- und Instru­men­talvir­tu­osität tür­men würde, war zu erwarten. Nur: Warum müssen die Bässe ihr berühmtes Instru­men­tal­rez­i­ta­tiv so betont unpa­thetisch und fast beiläu­fig abliefern? Das Solis­ten­quar­tett (Annette Dasch, Eva Vogel, Chris­t­ian Elsner, Dim­it­ry Ivashchenko) und der Rund­funk­chor Berlin fügen sich in dieses Konzept naht­los ein. Lediglich die recht rus­sisch gefärbte Dekla­ma­tion des Bassis­ten („O Fre­unde, nicht diese Töne!“) fällt aus dem Rah­men. Aber auch hier wird der langsame Satz zu einem wohltuend aus­mu­sizierten Ruhep­unkt, wobei beson­ders die unmerk­liche, organ­is­che Beschle­u­ni­gung zum zweit­en Gesangs­the­ma hin zu überzeu­gen ver­mag.
Das klan­gliche Erschei­n­ungs­bild dieser Auf­nah­men ist rel­a­tiv grob und scharf, gele­gentlich unaus­geglichen. Vor allem im Tut­ti fällt häu­fig die Ori­en­tierung des Gesamtk­langs an den hohen Instru­menten auf, zulas­ten des Bass­fun­da­ments. Bisweilen klin­gen die hohen Holzblasin­stru­mente, vor allem die Flöte, fast syn­thetisch kühl, also ganz anders, als man es von den hochkaräti­gen Berlin­er Solis­ten eigentlich erwartet. Die klan­gliche Unaus­geglichen­heit ist sich­er auch manchen aus der his­torischen Auf­führung­sprax­is bezo­ge­nen Ansätzen zu danken (dosiertes Vibra­to, lär­mende Pauken­wirbel…). Dabei ist die Orch­esterbe­set­zung doch alles andere als „his­torisch informiert“, näm­lich groß und mod­ern. Auf­fäl­lig ist Rat­tles Vor­liebe für schmetternde Tut­tis, mit oft krachen­den Paukenein­schlä­gen und wirbeln. Über­haupt neigt der Klang im großen Orch­ester­tut­ti oft zum undif­feren­ziert lär­menden For­tis­si­mo.
Abschließend eine etwas pro­vokante Antwort zu den ein­gangs gestell­ten Fra­gen: Zieht man eine mehr als fün­fzig Jahre alte Vorgän­gere­in­spielung zum Ver­gle­ich her­an (Karajan/Berliner Phil­har­moniker 1963), dann ist das Ergeb­nis doch sehr über­raschend. Bei häu­fig ähn­lich­er Tem­powahl klingt die alte Auf­nahme aus den Anfangs­jahren der Stere­o­fonie näm­lich run­der, voller, wärmer und vor allem auf­nah­me­tech­nisch alles andere als über­holt. Hier gibt es bei aller ver­gle­ich­baren Vir­tu­osität des Orch­ester­spiels viele Momente atmender Ruhe und Gelassen­heit; so entste­ht wie von sel­ber das klin­gende Porträt ein­er unver­wech­sel­baren Orch­ester­per­sön­lichkeit. Die Neuauf­nahme dage­gen klingt rel­a­tiv unper­sön­lich, aus­tauschbar und im inter­pre­ta­torischen Ansatz und auch klan­glich recht unein­heitlich. Sie kön­nte auch von einem der amerikanis­chen Spitzen-Orch­ester stam­men. Eine Lücke im Ange­bot füllt sie deshalb doch eher nicht.
Arnold Wern­er-Jensen