Schumann, Robert

Symphonien 1–4

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berliner Philharmoniker Recordings BPHR 1 40011
erschienen in: das Orchester 11/2014 , Seite 71

Die Berlin­er Phil­har­moniker spie­len Schu­manns Sin­fonien. Das ist eine, aber sich­er nicht die über­raschend­ste Botschaft dieser Veröf­fentlichung, denn Schu­mann gehört seit Jahrzehn­ten zum Stan­dard­reper­toire des bekan­ntesten deutschen Orch­esters. Erstaunlich ist vielmehr, dass die Phil­har­moniker mit dieser von Simon Rat­tle geleit­eten Ein­spielung den sehr ernst gemein­ten Ver­such unternehmen, sich von den großen CD-Labels zu emanzip­ieren. Wir haben es mit der ersten Auf­nahme des nagel­neuen Labels „Berlin­er Phil­har­moniker Record­ings“ zu tun – also dur­chaus ein his­torisches Ereig­nis.
Hin­ter­grund ist die Flat­ter­haftigkeit großer CD-Labels, die, so Simon Rat­tle, „fast wöchentlich ihre Poli­tik ändern“ und große Orch­ester oft genug zu Begleitkapellen für Nach­wuchsstars degradieren. Wie auch schon die „Dig­i­tal Con­cert Hall“ der Berlin­er Phil­har­moniker doku­men­tiert das eigene Label nun den Willen des Orch­esters, sich von der medi­alen Entwick­lung nicht über­rollen zu lassen, son­dern diese selb­st zu gestal­ten. Über Geschmack kann man wie immer stre­it­en und muss auch die Vase auf der Vorder­seite dieses CD-Pakets nicht unbe­d­ingt schön find­en. Sie erin­nert an ein tätowiertes Frauengesäß und stammt aus der Königlichen Porzel­lan-Man­u­fak­tur Berlin, die für ihre finanzielle Unter­stützung ein exzel­lentes Prod­uct Place­ment erhält.
Ganz sich­er aber macht der Schu­ber außen und innen etwas her: Neben zwei klas­sis­chen Ton-CDs gibt es die Sin­fonien auf Audio- und Video-Blu-ray – und dazu noch ein Sieben-Tages-Tick­et für die „Dig­i­tal Con­cert Hall“. Alle Mit­glieder des Orch­esters sind im Beglei­theft aufge­führt. Und die anderen Texte bieten knapp, präg­nant und infor­ma­tiv Wesentlich­es zu den Werken und ihrer Inter­pre­ta­tion.
Mar­tin Demm­ler sieht in den Sin­fonien Schu­manns eine deut­liche Abkehr von der „roman­tis­chen Phase“ des Kom­pon­is­ten mit ihrer frei schweifend­en Fan­tasie und der intendierten Ein­heit von Leben und Werk. Mit den Sin­fonien, so der Autor, habe Schu­mann ein­deutig finanzielle Erwä­gun­gen ver­bun­den. Stilis­tisch stellt er sie mehr in die klas­sis­che als in die roman­tis­che Tra­di­tion. Darüber lässt sich sich­er tre­f­flich stre­it­en. Fakt ist aber, die klas­sis­che Klarheit bes­timmt auch die Inter­pre­ta­tion von Simon Rat­tle, und das tut der dicht­en Instru­men­ta­tion Schu­manns (die wiederum ein Muster­beispiel roman­tis­chen Mis­chk­langs ist) dur­chaus gut.
Die Berlin­er Phil­har­moniker spie­len gle­ich­sam entschlackt, mit dem gewohnt wun­der­bar sei­di­gen Stre­icherk­lang und im Klang­bild zumeist strahlend hell. Es leucht­en die Holzbläs­er und blitzen die Trompe­ten, vor allem in der ersten, der „Früh­lingss­in­fonie“. Das Scher­zo der zweit­en Sin­fonie gelingt klar und zupack­end, die Dynamik ist dabei recht klein­teilig angelegt, die Rubati sehr deut­lich. Überirdisch schön: der langsame Satz der gle­ichen Sin­fonie. Ähn­lich klar lässt Rat­tle die Eck­sätze der drit­ten Sin­fonie spie­len, die anderen sind eher gewöhn­lich. In der vierten Sin­fonie explodiert der let­zte Satz regel­recht. Die Schu­mann-Edi­tion ist ein würdi­ger Auf­takt für das mutige Pro­jekt des eige­nen Labels.
Johannes Killyen