Mahler, Gustav

Symphonie Nr. 8

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 653
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 74

Im Mahler-Zyk­lus mit dem Köl­ner Gürzenich-Orch­ester unter Markus Stenz liegen nun alle großen Sin­fonien mit Vokalteil vor, nach der zweit­en und drit­ten auch die achte, das am größten beset­zte Werk des Kom­pon­is­ten, das 1910 in München uraufge­führt wurde und der größte öffentliche Erfolg Mahlers als Kom­pon­ist war. Die vor­liegende Auf­nahme ent­stand als Mitschnitt von Konz­erten in der Köl­ner Phil­har­monie im Sep­tem­ber 2011, also gut 101 Jahre nach der Urauf­führung.
Ob es in Köln auch tausend Mitwirk­ende waren wie in München oder nicht: Was Markus Stenz in kein­er Weise und in keinem Takt bietet, ist eine Mate­ri­alschlacht und ein halt­los­er Klan­grausch. Ganz im Gegen­teil: Schon die eröff­nende Expo­si­tion des “Veni Cre­ator Spir­i­tus” klingt klar gefasst, ja fast schlicht. Die Hal­tung des Diri­gen­ten ist über­legen und erscheint fast schon unaufgeregt. Doch Stenz weiß immer genau, wo etwa an for­malen Schnittstellen deut­liche Akzente hinge­hören oder wo durch sprechende Agogik und Dynamik die Höhep­unk­te beson­ders beze­ich­net wer­den kön­nen. So ver­langsamt er zum Beispiel im ersten Satz wie wei­land Leonard Bern­stein, der son­st eine ganz andere Auf­fas­sung von dem Stück hat­te, das Tem­po vor dem Ein­satz der Reprise deut­lich, um das erneute “Veni Cre­ator” zum befreien­den Aus­ruf zu machen.
Solch bedeu­tungsin­ten­siv­er Momente sind viele in dieser Inter­pre­ta­tion, aber eben­so auch ganz viele fein­er Ausar­beitung lyrisch­er und kam­mer­musikalis­ch­er Stellen, die dabei eine ger­adezu lied­hafte Anmut ent­fal­ten. Es ist ger­ade im Wech­sel von Zus­pitzung und Entspan­nung eine Mahler-Deu­tung von großer Überzeu­gungskraft. Sie hat, das nicht zulet­zt macht sie so span­nend, eine eigene Note. Aber nicht im Sinne sub­jek­tiv­er Aus­druck­shal­tung, son­dern im Sinne beson­der­er Verdeut­lichung der Form.
Die Köl­ner Auf­führung, die hier doku­men­tiert ist, ver­sam­melt ein aus­geze­ich­netes Solis­te­nensem­ble mit Bar­bara Have­mann, Orla Boy­lan, Chris­tiane Oelze, Anna Pal­im­i­na, Petra Lang, Maria Rad­ner, Bran­don Jovanovich, Han­no Müller-Brach­mann und Gün­ther Groiss­böck. Mit den Mäd­chen und Knaben der Chöre am Köl­ner Dom, dem Vokalensem­ble Köl­ner Dom, der Domkan­tor­ei, dem Chor des Bach-Vere­ins Köln, der Karthäuserkan­tor­ei Köln und dem Phil­har­monis­chen Chor der Stadt Bonn agiert eine sozusagen öku­menis­che Singge­mein­schaft, die son­st im geistlichen und ora­torischen Bere­ich wirkt – und eben nicht, wie bei Opernchören, im The­ater. Das passt zur Grund­hal­tung der Inter­pre­ta­tion sehr gut und gibt den Chor­par­tien ein klares und schlüs­sig aufge­fächertes Pro­fil.
Der sehr fließen­den Zeit­maße wegen passt das gesamte Werk auf eine CD. Die Ton­tech­nik ist exzel­lent und sorgt bei dieser Auf­nahme auch bei der größten Massierung der Kräfte immer für einen plas­tis­chen und im wahrsten Sinne des Wortes vielschichti­gen Klang. Was die anderen Mahler-Auf­nah­men aus Köln schon andeuteten, bestätigt sich auch hier: Dieser Zyk­lus ist ein­er der wichtig­sten unser­er Zeit.

Karl Georg Berg