Dmitri Schostakowitsch

Symphonie Nr. 7 „Leningrader“

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Mariss Jansons

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 76

Schon der ehe­mals sow­jetis­che Städte­name „Leningrad“ strahlt ins­beson­dere in der jün­geren Gen­er­a­tion kaum mehr im Bewusst­sein; die Beze­ich­nung „Leningrad­er“ für den assozi­a­tion­sre­ichen Titel ein­er großen Sym­phonie ist dort eher noch weniger ver­ankert. Bere­its im Spät­som­mer 1941 begonnen, kurz vor der Belagerung dieser großen Stadt an der Newa, ent­stand sie vor dem Hin­ter­grund eines schreck­lichen und blut­getränk­ten Krieges.
Aus heutiger Sicht, fast 80 Jahre später, ist es nicht zu ermessen, wie viel Angst und Hoff­nung mit dieser Sym­phonie für Schostakow­itsch selb­st ver­bun­den war. Heute wis­sen wir allerd­ings, dass der Krieg nur ein Bild war für etwas ganz anderes: Schostakow­itsch hat­te vor allem die Schreck­nisse des Sow­je­tregimes vor Augen. Zwar wurde das Werk von diesem zu Pro­pa­gan­dazweck­en miss­braucht, „ein Fanal gegen den Faschis­mus“, so Vera Baur im sehr infor­ma­tiv zu lesenden Book­let, was ihm let­ztlich sehr geschadet hat; den­noch ste­ht die Siebte all­ge­mein für einen „musikalis­chen Aus­druck von Gewalt und Bedro­hung, eine überzeitliche sym­phonis­che Anklage gegen Unrecht, Schreck­en­sh­errschaft, und die rück­sicht­slose Negierung des Indi­vidu­ums“. Der Krieg kam da als Ablenkung vom eigentlichen Inhalt in zynis­ch­er Weise ger­ade recht.
Doch wie ste­ht es mit der Inter­pre­ta­tion dieses Werks? Kann ein Diri­gent und ein Orch­ester ihm heute noch gerecht wer­den? Jede spätere Inter­pre­ta­tion scheint einen Schritt weit­er weg vom Geschehen. Hört man sich jene in die Jahre gekommene, aber immer noch gültige, bis­lang unerr­e­ichte Ref­eren­za­uf­nahme des Staatlichen Sin­fonieorch­esters der UdSSR unter der Leitung Jew­genij Swet­lanows an, mit ihrem unmit­tel­bar­eren, sow­jetis­chen Erfahrung­sh­in­ter­grund, so scheint ger­ade diese eine weitaus strin­gen­tere, innere Dynamik von Auswe­glosigkeit und Entset­zen zu besitzen, so, als würde man noch den Würge­griff Stal­ins am Hals spüren.
Die vor­liegende Auf­nahme indes wirkt sta­tis­ch­er, in den Tem­pi ins­ge­samt langsamer, vor­sichtiger – fast zu brav kommt sie daher, lei­der ohne innere Span­nung und merk­würdig kraft­los. Ein (lei­der nicht immer gut aus­tari­ert­er) Gesamtk­lang ist nah. Gle­ich­wohl bleibt nur Mit­tel­barkeit übrig, eine gewisse Dis­tanz gar, wie aus der Sicht eines Spät­ge­bore­nen. Und dies trotz vol­len­de­ter Auf­führung des Orch­esters, der wun­der­baren Soli in den Holzbläsern, trotz des homo­ge­nen Zusam­men­spiels aller. Die weit­eren Sätze klin­gen eben­so stoisch und aus­sageschlank.
Um bloß kein über­triebenes Pathos ein­er plat­ten Szener­ie des abschließen­den Siegesjubels aufkom­men zu lassen, drückt Mariss Jan­sons in den let­zten Tak­ten aufs Tem­po zu einem unrun­den Schluss. Ohne Hin­ter­grund­wis­sen würde man die Sym­phonie so nur als laut und chao­tisch abhak­en, die eigent-liche Inten­tion Schostakow­itschs leuchtet musikalisch nur wenig durch. Ihm ging es bekan­ntlich um Men­schlichkeit und humane Geis­te­shal­tung, die – wenn auch nur zeitweise – über das Böse siegt, wenn auch mit ein wenig Pathos.
Wern­er Boden­dorff