Bruckner, Anton

Symphonie Nr. 7 E-Dur

Bearbeitung für Kammerorchester von Hanns Eisler, Erwin Stein, Karl Rankl, hg. von Alan Leighton

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Deutscher Verlag für Musik/Breitkopf & Härtel, Leipzig/Wiesbaden 2011, Mietmaterial
erschienen in: das Orchester 07-08/2011 , Seite 70

In mehr als hun­dert Konz­erten zwis­chen Dezem­ber 1918 und Dezem­ber 1921 hat der von Arnold Schön­berg begrün­dete und geleit­ete „Vere­in für musikalis­che Pri­vatauf­führun­gen“ in Wien seinen Mit­gliedern zahlre­iche zeit­genös­sis­che Kom­po­si­tio­nen zu Gehör gebracht, darunter neben Werken des Schön­berg-Kreis­es auch stilis­tisch völ­lig anders aus­gerichtete Stücke von Mahler, Debussy, Skr­jabin, Reger, Bartók oder Straw­in­sky. Dieser plur­al-infor­ma­tive Ansatz ein­er Konz­ertrei­he ohne Öffentlichkeit, Applaus oder Rezen­sion erweit­erte sich damals sog­ar zu dem Bedürf­nis, klas­sis­ches und roman­tis­ches Reper­toire – ver­meintlich „häu­fig und schlecht“ aufge­führt – in gründlich ein­studierten, exem­plar­ischen Inter­pre­ta­tio­nen darzu­bi­eten. Diese „B-Serie“ brachte es 1921 allerd­ings nur auf fünf Konz­erte mit Werken u. a. von Mozart, Beethoven, Schu­mann, Brahms und Wolf, bevor der Vere­in seine Tätigkeit in Folge der öster­re­ichis­chen Hyper­in­fla­tion jen­er Jahre ein­stellte.
Auf der Strecke blieb damals auch die für 1921 geplante Auf­führung ein­er Kam­merensem­ble-Fas­sung der 7. Sin­fonie Anton Bruck­n­ers. Das 1884 in Leipzig unter Arthur Nikisch uraufge­führte, neben Stre­ich­ern und Pauke mit dop­pel­tem Holz und 15 Blech­bläsern groß beset­zte Orig­i­nal­w­erk war Anfang des 20. Jahrhun­derts zu einem weltweit­en Pub­likum­ser­folg gewor­den. Die jun­gen Schön­berg-Schüler Hanns Eisler, Erwin Stein und Karl Ran­kl sahen eine reizvolle Auf­gabe darin, das beliebte Werk im Klang­bild auf das Wesentliche zu reduzieren und damit im Kam­mer­musik­saal darstell­bar zu machen. Stre­ichquar­tett plus Kon­tra­bass, Klar­inette und Horn erhal­ten durch Klavier und Har­mo­ni­um zwei in der Orig­i­nalbe­set­zung nicht vorhan­dene Mit­stre­it­er, die manche Farb­facetten beis­teuern bzw. kom­pen­sieren, bei den gewalti­gen Bruckner’schen Klang­steigerun­gen aber auch zu überzeu­gen­der qua­si-sin­fonis­ch­er Klangfülle aufzu­laufen ver­mö­gen, ohne das Klang­bild ein­seit­ig zu dominieren.
Die 1921 unaufge­führt ad acta gelegte Bear­beitung wurde erst 1994 in den USA aus der Taufe gehoben; im Jahr 2000 führte eine CD-Pro­duk­­tion des Linos-Ensem­bles zu einem nach­halti­gen Inter­esse auch bei anderen Inter­pre­ten­grup­pen. Dem Bochumer Solo­hor­nisten Alan Leighton ist es zu danken, dass jet­zt eine zeit­gemäße Par­ti­tur- und Stim­men-Aus­gabe des Werks zur Ver­fü­gung ste­ht. Leighton hat sich, aus­ge­hend von zwei Auf­führun­gen in Konz­erten der Bochumer Sym­phoniker, der Mühe unter­zo­gen, die Bear­beitung der Schön­berg-Schüler mit den Orig­i­nalquellen (Bruck­n­er-Hand­schrift und Par­ti­tur der Bruck­n­er-Gesam­taus­gabe) Ton für Ton abzu­gle­ichen und dabei zahlre­iche dynamis­che Eigen­mächtigkeit­en und Druck­fehler zu kor­rigieren, wie sie die Bear­beit­er aus der Eulen­burg-Par­ti­tur über­nom­men hat­ten. Die fast 200 Seit­en starke Edi­tion macht in ihrer Genauigkeit und der heute sel­ten gewor­de­nen par­ti­turtech­nis­chen Ästhetik (!) den hehren Absicht­en des Schön­berg-Kreis­es alle Ehre.
Rain­er Klaas