Mieczysław Weinberg

Symphonie Nr. 6 op. 79/ 21 Leichte Klavierstücke op. 34

Elisaveta Blumina (Klavier), Konzertchor Rutheneum, Philharmonisches Orchester Altenburg Gera, Ltg. Laurent Wagner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Klanglogo
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 70

Bis zum Jahr 2010, als die Bre­gen­z­er Fest­spiele seine Holo­caust-Oper Die Pas­sagierin 42 Jahre nach ihrem Entste­hen und 14 Jahre nach seinem Tod her­aus­bracht­en, hat­te hierzu­lande kaum jemand den Namen Mieczysław Wein­berg gehört. Jüdis­ch­er Abstam­mung, floh er beim Über­fall der Wehrma­cht auf Polen von Warschau nach Min­sk und 1941 weit­er bis Taschkent in der Sow­je­tre­pub­lik Usbekistan.
Auf sein Schaf­fen aufmerk­sam gewor­den, erwirk­te ihm Dmitrij Schostakow­itsch 1943 die Zuzugs­genehmi­gung für Moskau, wo Wein­berg den Rest seines Lebens ver­brachte. Im Zuge der Ver­fol­gung der soge­nan­nten Kreml-Ärzte, die Stal­in ange­blich nach dem Leben tra­chteten, inhaftiert und ver­hört, zog er es vor, im Ver­bor­ge­nen schaf­fend die Wertschätzung der besten Musik­er seines Gast­landes zu genießen, statt sich als Opfer zu stil­isieren und um öffentliche Anerken­nung zu buhlen. Die ihm zu Gor­batschows Zeit­en den­noch zuteilwurde.
In friedlichem Wettstre­it mit Schostakow­itsch, als dessen Schüler im Geiste er sich bekan­nte, schenk­te Wein­berg sein­er Mit- und Nach­welt unter anderem 17 Stre­ichquar­tette und 22 Sym­phonien (zwei bzw. sieben mehr als jen­er) – eine Ter­ra incog­ni­ta im Schat­ten des Erst­ge­nan­nten, in welche Lau­rent Wag­n­er, seit 2013 GMD am The­ater Altenburg Gera, nun mit dem Phil­har­monis­chen Orch­ester Altenberg Gera und dem Konz­ertchor des dor­ti­gen Rutheneums mit der Sym­phonie Nr. 6 op. 79 (1962/63) eine markante Bresche schlägt.
Wiewohl nur kurz nach Schostakow­itschs 13. Sym­phonie op. 113 ent­standen und wie diese ein chorsin­fonis­ches Memen­to für die 33 000 Opfer des Mas­sak­ers an den Juden, das Gestapo und SS 1941 in der Schlucht von Babi Jar (Ukraine) anrichteten, geht Wein­bergs Sech­ste doch for­mal (und grad­weise auch stilis­tisch) eigene Wege. Sie ist seine erste Sym­phonie mit men­schlichen Stim­men. Sie lassen sich in drei der fünf Sätze hören: dem zweit­en, vierten und letzten.
Im ein­lei­t­en­den Ada­gio nis­tet das Grauen. Der melodis­che Faden reißt, zwis­chen hohen und tiefen Orch­ester­stim­men klafft ein Abgrund. Der zweite Satz fußt auf einem Gedicht von Lew Kwitko: Mit seinem selb­st­ge­baut­en „Gei­glein“ ver­birgt sich ein klein­er Junge in einem Baum, den Sol­dat­en am Ende zu Fall brin­gen. Nach einem wilden Scher­zo intoniert der Chor das Epi­taph „In rotem Lehm ist ein Graben aus­ge­hoben“ des Dichters Shmuel Halkin (gle­ich­falls Jude und unter Stal­in ver­fol­gt), das den Kin­der­mord der „faschis­tis­chen Henker“ geißelt. Der Final­satz „Schlaft, Men­schen“ bedi­ent sich des Zukun­ft­straums eines regime­treuen sow­jetis­chen Poet­en: „Die Sonne wird aufgehen/und Geigen wer­den vom Frieden auf Erden sin­gen.“ Eine Schluss­wen­dung, die heute triv­ial anmutet.
Neck­ische Zugabe nach dieser großar­ti­gen, bewe­gen­den Orch­ester- und Chor­leis­tung: Wein­bergs 21 (gar nicht so) Leichte Stücke für Klavier: Kinder­szenen à la russe, von der exzel­len­ten Pianistin Elisave­ta Blu­mi­na wie aus dem Bilder­buch ausgestochen.
Lutz Lesle