Gustav Mahler

Symphonie Nr. 6

Berliner Philharmoniker, Ltg. Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berliner Philharmoniker Recordings BRHP 180231
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 72

Die Sym­phonien Gus­tav Mahlers waren schon früh ein Schw­er­punkt im Reper­toire des Diri­gen­ten Simon Rat­tle. Schon als Chef des City of Birm­ing­ham Sym­pho­ny Orches­tra hat er die meis­ten von ihnen einge­spielt. Eng ver­bun­den ist Mahler aber auch mit Rat­tles Arbeit am Pult der Berlin­er Phil­har­moniker. Die Sech­ste dirigierte er in seinem ersten Konz­ert mit den Berlin­ern in den 1980er Jahren – und mit ihr nahm er im Juni des ver­gan­genen Jahres seinen Abschied in der Phil­har­monie als Chefdiri­gent des Orch­esters nach 16 Jahren. Mahlers Fün­fte erk­lang in seinem Antrittskonz­ert 2002 – und im ersten Konz­ert nach sein­er Ernen­nung 1999 stand die Zehnte auf dem Pro­gramm.
Bei ihrem eige­nen Label haben die Berlin­er Phil­har­moniker nun nur wenige Monate nach dem Abschluss der „Ära Rat­tle“ just jene erwäh­n­ten bei­den Konz­erte mit der sech­sten Sym­phonie von Mahler als Ton­doku­ment vorgelegt, das Abschlusskonz­ert von 2018 auch im Bild auf ein­er Blu-ray, die dazu bei­de Auf­nah­men als Pure Audio, eine Film­doku­men­ta­tion über Rat­tles Wirken in Berlin und eine span­nende Werke­in­führung des Diri­gen­ten bringt. Zusam­men mit den Tex­ten und Fotos im Book­let ist das eine sehr umfan­gre­iche und hochkarätige Pub­lika­tion zu Rat­tles Berlin­er Jahren.
Mit der Sech­sten verbindet Rat­tle eine lange Geschichte und sie nimmt gewiss in sein­er Mahler-Inter­pre­ta­tion eine zen­trale Stelle ein. Das wird auch in seinen Ein­führungsworten deut­lich. Von Beginn an wählte er die Abfolge der Mit­tel­sätze mit dem Andante an zweit­er Stelle (bekan­ntlich schwankt hier auch Mahlers eigene Hal­tung zwis­chen erster Druck­fas­sung und später­er Auf­führung). Seine Deu­tung, die sich zwis­chen 1987 und 2018 eigentlich im Kern wenig verän­dert hat und nur vor allem im Finale etwas mehr Zeit ein­nimmt (deut­lich bre­it­er ist er 1989 bei der Auf­nahme aus Birm­ing­ham), erfüllt das Werk von innen her­aus mit gewaltiger Aus­drucksin­ten­sität. Rat­tle bindet all die gewalti­gen und küh­nen Klang­mit­tel der „tragis­chen“ a-Moll-Sym­phonie ein in ein Konzept, das der exis­ten­ziellen Tiefe der Musik in jedem Takt unbe­d­ingt auf der Spur ist. Beson­ders in der reifen Auf­führung im Som­mer 2018, die via Kinoüber­tra­gung weltweit auch ein Medi­enereig­nis war, zeigt sich auf phänom­e­nale Weise, wie Rat­tle musikalisch-struk­turell, geistig und emo­tion­al diese Par­ti­tur durch­dringt, wie er nicht die ger­ing­ste Übertrei­bung zulässt und doch keinen Ton unbeachtet und uner­füllt lässt.
Dass an solch ein­er epochalen Deu­tung die Berlin­er Phil­har­moniker mit ihrer sin­gulären Orch­esterkul­tur einen wesentlichen Anteil haben, ver­ste­ht sich. Mahler war ja lange Zeit nicht ger­ade ihr täglich Brot. Mit eini­gen Sym­phonien unter Kara­jan, dann aber inten­siv unter Clau­dio Abba­do und Simon Rat­tle sind sie zu einem der führen­den Mahler-Orch­ester gewor­den – wenn nicht zu mehr.
Die vor­liegende Edi­tion ist mehr als ein Sou­venir der Zeit des sech­sten Chefdiri­gen­ten der Berlin­er Phil­har­moniker, sie ist ein sub­stanzieller Beitrag zur Geschichte des Orch­esters und der Inter­pre­ta­tion der Sym­phonien Gus­tav Mahlers.
Karl Georg Berg