Gustav Mahler

Symphonie Nr. 4

für Sopran-Solo und Orchester, hg. von Christian Rudolf Riedel, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 64

Mahler kom­ponierte seine 4. Sin­fonie in den Som­mer­monat­en 1899 und 1900, die Urauf­führung fand am 25. Novem­ber 1901 mit dem Kaim-Orch­ester und der Sopranistin Mar­garete Micha­lik unter der Leitung des Kom­pon­is­ten in München statt. In einem Brief an Richard Strauss schrieb er am 6. Juli 1901, dass die Vierte im Druck sei, „und außer­dem möchte ich ein neues Werk – das erste, das vielle­icht den beste­hen­den Ver­hält­nis­sen etwas prak­tis­ch­er ent­ge­genkommt und daher bei vorurteils­freier und liebevoller Auf­nahme unter gün­sti­gen Umstän­den mir den einzi­gen Lohn brin­gen kann, den ich mir von meinem Schaf­fen erwün­sche: gehört und ver­standen zu wer­den“.
Als Grund­lage der Mahler(-Wie- der-)Entdeckung dien­ten in den 1960er Jahren die ersten kri­tis­chen Edi­tio­nen im Rah­men der Gesam­taus­gabe, her­aus­gegeben von der Inter­na­tionalen Gus­tav Mahler Gesellschaft. Diese Noten­texte sind im Konzertleben etabliert. Gle­ich­wohl taucht­en im Laufe der vie­len Jahre dieser Gesam­taus­gaben-Edi­tion immer neue Quellen auf. Sie war ein Work in Progress, genau wie Mahlers Werk selb­st, denn für seine Retuschen und Änderun­gen war er bekan­nt, wenn nicht berüchtigt.
Für einen Her­aus­ge­ber ist es ger­ade im Fall von Mahlers Sym­phonik schw­er zu entschei­den, ob die Retuschen nicht doch nur den örtlichen akustis­chen Ver­hält­nis­sen, also der jew­eili­gen Auf­führung, geschuldet waren. Im Vor­wort zur vor- liegen­den Neuaus­gabe schreibt der Her­aus­ge­ber Chris­t­ian Rudolf Riedel: „Aus­ge­hend von ein­er mut­maß- lichen ‚Fas­sung let­zter Hand‘, die sich in der musikalis­chen Prax­is inzwis­chen durchge­set­zt hat und die ihrer­seits wiederum Grund­lage für die Arbeit unzäh­liger Mahler-Forsch­er war, erschien die neue kri­tis­che Durch­sicht des Noten­textes ge- boten, um eine größere inhaltliche Ver­lässlichkeit zu bieten.“ Man ha be die Quel­len­be­w­er­tung der Kri­tis­chen Gesam­taus­gabe nicht grund­sät­zlich in Frage stellen wollen, ha be aber eine große Anzahl an Präzisierun­gen im Noten­text vorgenom­men sowie edi­torische Unstim­migkeit­en und seit­dem bekan­nt gewor­dene Fehler berichtigt. Der Neusatz von Par­ti­tur und Orch­ester­stim­men in größerem For­mat und Ras­tral sorge erst­mals für eine ein­heitlich­es Erschei­n­ungs­bild und opti­male Les­bar- keit. Beson­deres Augen­merk, so der Her­aus­ge­ber, wurde auf die Prak­tik­a­bil­ität der Orch­ester­stim­men gelegt, die in Zusam­me­nar­beit mit Or- chester-Bib­lio­thekaren erar­beit­et wur­den und die neben den selb­stver­ständlichen Notwendigkeit­en wie Ori­en­tierungssys­te­men und Wende- möglichkeit­en „auch spezielle prak­tis­che Aspek­te berück­sichti­gen wie transponierte Stim­men für heute nicht mehr gebräuch­liche Wech­selin­stru­mente“.
Der Kri­tis­che Bericht lis­tet die Vielzahl von Quellen auf. Das Druck- bild und vor allem die Stim­men sind etwas kom­fort­abler zu lesen als die Ratz-Edi­tion von 1962. In seinem Vor­wort beschreibt Con­stan­tin Floros, ein­er der wichti­gen Mahler-Wis­senschaftler, mit vie­len Selb­stzeug­nis­sen Mahlers Ideen­welt zur Zeit der “Wunderhorn”-Symphonien. Die vor­liegende Aus­gabe ist ein Fortschritt für die Auf­führun­gen.

Ger­not Woj­narow­icz