Bruckner, Anton

Symphonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“

Staatskapelle Dresden, Ltg. Christian Thielemann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 63

Wer die Opern Richard Wag­n­ers so aus­sagekräftig dirigiert, kann auch die Sym­phonien Anton Bruck­n­ers eben­so vital und far­big zu Gehör brin­gen. Ins­beson­dere das Blech hat bekan­ntlich bei bei­den Kom­pon­is­ten zeitweise vornehmen Vor­rang vor den übri­gen Instru­menten, wom­it sich Lieb­haber edler und sah­niger Mess­ingk­länge wirk­lich freuen dür­fen.
Chris­t­ian Thiele­mann ver­ste­ht es wirk­lich, diese kathe­dralen Bre­it­band-Klang­far­ben nicht nur in den zahlre­ichen „Blech­blöck­en“ zum Glühen zu brin­gen, ohne indes allzu mas­siv oder gar pathetisch zu wirken. Selb­st bei den For­tis­si­mo-Stellen mit dem übri­gen Orch­ester wirken die fes­tlichen Trompe­ten, Posaunen und Hörn­er nie bru­tal, son­dern wie eine gold­ene Schale eines Brun­nens, worin die Sechzehn­tel der Stre­ich­er sich per­lend durch­mis­chen. Die Holzbläs­er ver­lei­hen der Sym­phonie zusät­zlich lodernde Schw­erelosigkeit und würdi­ge Noblesse.
Der spezielle „Staatskapel­len­klang“ und die langjährige Bruck­n­erPflege des Orch­esters unter Fritz Busch, Karl Böhm und Joseph Keil­berth kommt dem Ganzen wie selb­stver­ständlich ent­ge­gen. Immer­hin ist nach dem liebevoll wie ken­nt­nis­re­ich ver­fassten Book­let die 4. Sym­phonie schon damals, zu Lebzeit­en Bruck­n­ers, 1895 unter Adolf Hagen aufge­führt wor­den, wenn auch mit Blick auf die etwas unwirsche Kri­tik noch eher unter einem unglück­lichen Stern. Inzwis­chen ist ins­beson­dere die „Roman­tis­che“ zum Inbe­griff Bruckner’scher Tonkun­st gewor­den.
Chris­t­ian Thiele­mann wählte für diese CD-Ein­spielung der Vierten WAB 104 die pop­uläre Fas­sung von 1878/80, die selbe, die bere­its am 17. Mai 2015 im 9. Sym­phoniekonz­ert erk­lun­gen war. Die Ein­spielung rei­ht sich naht­los ein in die Serie der teils schon länger erhältlichen Auf­nah­men beispiel­sweise der Siebten und der Acht­en.
Die Tem­pi sind – gemessen an die teils vor­wärts­drän­gen­den Inter­pre­ta­tio­nen beispiel­sweise von Eugen Jochum, Her­bert von Kara­jan oder gar Gün­ter Wand – zum Teil wesentlich langsamer, die Klänge wer­den hier bis zulet­zt aus­gekostet; deshalb wohl auch die unge­heuere klan­gliche Tiefen­wirkung und schein­bar zeitliche Schwe­relosigkeit. Thiele­manns Inter­pre­ta­tion liegt bei 73 Minuten, im Gegen­satz zu Jochum, der schon nach etwa 64 Minuten seinen wohlver­di­en­ten Applaus ent­ge­gen­nehmen kon­nte.
Gle­ichzeit­ig fragt man sich indes, wie viel Ent­gren­zung Bruck­n­er wohl noch verträgt. Wie lange lassen sich die Sym­phonien in die Länge ziehen, ohne dass die Span­nungs­bö­gen reißen? Sergiu Celi­bidache war ein­er der Vor­re­it­er und hat­te die Vierte 1983 in München auf etwa 78 Minuten gedehnt. Spätere Sym­phonien wie beispiel­sweise die Achte kom­men mit­tler­weile schon auf weit über 90 Minuten. Diese Bre­it­flächigkeit gibt es auch in manchen Film­musiken, hier selb­stver­ständlich mit viel mehr unter­gründi­ger Tiefe: ein Mit­tel gegen die Kurzat­migkeit unser­er Zeit?
Die Auf­nahme von Thiele­mann, der hier nicht nur zu dirigieren scheint, son­dern Bruck­n­ers Musik lebt und erleben lässt und der sich deshalb von den Vor­trags­beze­ich­nun­gen unab­hängig macht, ist solch ein Gegen­mit­tel.
Wern­er Boden­dorff