Méhul, Étienne-Nicolas

Symphonie Nr. 3, 4 und 5 (“Unvollendete”)

Kapella 19, Ltg. Eric Juteau

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Kapella 19
erschienen in: das Orchester 07-08/2015 , Seite 72

Sie begreifen sich als Musikarchäolo­gen: die Mit­glieder der „Kapel­la 19“ aus Nürn­berg, erst vor weni­gen Jahren von Eric Juteau gegrün­det. Der studierte Jurist und Diri­gent aus dem franzö­sis­chen Nach­bar­land lebt seit gut zehn Jahren in Deutsch­land, dessen Kul­tur (ger­ade auch im Musik­we­sen) er beson­ders schätzt. Mit „Kapel­la 19“ erfüllte er sich einen Wun­sch nach einem eige­nen Klangkör­p­er, mit dem er in Vergessen­heit ger­atene Kom­pon­is­ten und Kom­po­si­tio­nen im Konz­ert und mit ein­er CD neu benen­nt und auf deren Möglichkeit­en aufmerk­sam macht.
Das gilt auch für Éti­enne-Nico­las Méhul (1763–1817). Er füllt (sin­fonisch gese­hen) die Lücke zwis­chen den Wirren der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion und dem Ende der Restau­ra­tion (um 1830). Méhul stammt aus Givet im Maas-Land, wid­mete sich zunächst dem Orgel­spiel, eher er nach Paris ging. Er schrieb Sonat­en, Chor­w­erke – und schließlich ab 1785 auch Opern. Erstaunlich, dass der in Frankre­ich geschätzte Musik­er rund 30 dur­chaus erfol­gre­iche Büh­nen­werke schrieb – in Deutsch­land jedoch in der Fol­gezeit eine Rand­fig­ur blieb, und zwar bis heute. Man hört schon ein­mal eine Arie aus seinen Opern, auch kam­mer­musikalis­che Zitate tauchen im Konz­ert­saal auf. Aber ins­ge­samt betritt man mit sein­er Musik ein europäis­ches Nie­mand­s­land.
Das soll sich nun ändern. Denn die drei hier präsen­tierten Sym­phonien, ent­standen zwis­chen 1797 und 1810, sind mehr als gute Unter­hal­tung. Wobei die 5. Sym­phonie nach einem ersten Satz (Andante – Alle­gro) abbricht: Sie blieb deshalb eine „Unvol­len­dete“.
Drei Mal Méhul – eine Offen­barung? Nun, eine Sen­sa­tion sind die drei Orch­ester­w­erke nicht. Mal klin­gen sie nach Haydn, mal nach Mozart, dann wieder nach dem frühen Berlioz. Das bedeutet, dass sie den­noch dur­chaus einen liebenswerten Stil und eine eigene Far­bigkeit besitzen. Aber es fehlt das über­raschende Ele­ment, der vorau­seilende Impuls, die spek­takuläre Melodie. Der Kom­pon­ist besitzt jedoch Ein­fallsmut, struk­turelle Sou­veränität und orches­trale Stim­migkeit. Das Orch­ester „lebt“ in seinen sym­phonis­chen Stück­en, die das sein­erzeit übliche Reg­is­ter­spek­trum in den Sätzen aus­lotet. Die 4. Sym­phonie fällt etwas aus dem Tra­di­tion­srah­men, weil sie fün­f­sätzig angelegt ist und mit drei Alle­gro-Kapiteln über­rascht.
Juteau und die „Kapel­la 19“ wid­men sich mit großer Hingabe der (Wieder-)Entdeckung des franzö­sis­chen Klas­sik­ers. Das Leichte, Irisierende, Schwebende und das melodis­che Moment über­wiegt in ihren Inter­pre­ta­tio­nen, die klan­gliche, instru­men­tale Raf­fi­nesse tritt dage­gen in den Hin­ter­grund. Man hört sich diese Sym­phonien gern und eigentlich unkom­pliziert an – immer jedoch mit Haydn oder Mozart im indi­vidu­ellen Hörver­gle­ich.
Es stimmt sicher­lich die Aus­sage von Berlioz, der über Méhuls Par­ti­turen schrieb: „Er war überzeugt davon, dass der musikalis­che Aus­druck ein­er lieblichen Blume gle­icht, delikat und sel­ten, mit erlesen­em Duft, welche ohne Kul­tur nicht blüht.“ Das ist doch bes­timmt ein großes Kom­pli­ment seines Lands­man­nes. Juteau füllt es aus heutigem Blick­winkel mit
ein­er instru­men­tal­en Präsenz.
Jörg Loskill