Brahms, Johannes

Symphonie Nr. 2 D‑Dur op. 73

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Nordwestdeutsche Philharmonie
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 86

Seit der Grün­dung im Jahr 1950 ist die im ost­west­fälis­chen Her­ford behei­matete Nord­west­deutsche Phil­har­monie mit­tler­weile zu einem ange­se­henen Klangkör­p­er herangewach­sen. Heute ist das 78-köp­fige Orch­ester nicht nur regelmäßig in den nord­deutschen Konz­ert­sälen zu Gast, son­dern zugle­ich auch ein bedeu­ten­der deutsch­er Kul­turträger inner­halb und außer­halb Europas. Im Jahr 2005 tourte das Orch­ester durch die USA. Mit dem Diri­gen­ten Theodore Kuchar am Pult stand dabei auch Brahms 2. Sin­fonie D‑Dur op. 73 auf dem Pro­gramm. In der Mechan­ics Hall in Worces­ter ent­stand ein Rund­funkmitschnitt, den MDG nun hier in Deutsch­land auf CD veröf­fentlicht hat.
Theodore Kuchar liegt bei sein­er Herange­hensweise viel daran, die Übergänge, die musikalis­chen Schnittstellen und struk­turellen Gliederungspunk­te des Werks deut­lich zu machen. Sehr gerne staut er hier die Bewe­gung, hält den Ziel­ton der Phrase zurück und set­zt damit auf ein gewiss­es Über­raschungsmo­ment. Das und über­haupt sein fein­nerviges Mod­el­lieren der musikalis­chen Charak­tere bekommt der 1877 in der Som­mer­frische in Pörtschach geschaf­fe­nen D‑Dur-Sin­fonie, die im Gegen­satz zur kurz zuvor endgültig fer­tiggestell­ten und eher schroff, lei­den­schaftlich und ungestüm gehal­te­nen c‑Moll-Sin­fonie eine unbeschw­erte, liebliche und idyl­lis­che Atmo­sphäre auslebt, nicht schlecht.
Auch mit der Agogik weiß Kuchar sehr biegsam umzuge­hen und sie zur geziel­ten Vor­bere­itung wech­sel­nder Motiv- und Fig­uren­grup­pen, aber auch zur eigen­willi­gen Her­aus­lö­sung von Phrasen­bö­gen einzuset­zen. In der Coda des Kopf­satzes allerd­ings scheint seine Nachgiebigkeit in Sachen Tem­pon­ahme doch etwas zu expan­siv zu ger­at­en, hier kommt die Bewe­gung fast zum Still­stand. Man hätte von der Deu­tung des Ein­leitungssatzes her annehmen kön­nen, dass Kuchar der schwärmerische Aus­druck des zweit­en Satzes (Ada­gio non trop­po) mehr am Herzen läge. Hier aber hält er sich anfangs merk­lich zurück und bleibt bei ein­er dur­chaus feinsin­ni­gen, aber die Empfind­ung doch eher ver­schämt zurück­hal­tenden Sichtweise. Erst später im energiege­lade­nen Mit­tel­teil kommt Bewe­gung und Emo­tion ins Spiel.
Gerne set­zt Kuchar auf über­trieben aus­gereizte dynamis­che Kon­traste: Im Alle­gret­to grazioso springt er von einem bis dahin aus­ge­sprochen lieblich aus­mod­el­lierten Klanggemälde in Takt 144 unver­mit­telt und provozierend in den scharf geschnit­te­nen neuen musikalis­chen Gedanken. Auch im Final­satz hält Kuchar sein Orch­ester zu Beginn dynamisch auf der unter­sten Ebene, um dann in Takt 15 ger­adewegs explo­sion­sar­tig auf den wachrüt­tel­nden Knall­ef­fekt zu set­zen. Geschmei­di­ge Übergänge und ein organ­is­ch­er Span­nungsauf- und ‑abbau find­en sich – wie schon im Kopf­satz – auch hier, und die Nord­west­deutsche Phil­har­monie kann – ungeachtet sich immer wieder ein­mal ein­schle­ichen­der leichter Unge­nauigkeit­en, die dem Livemitschnitt geschuldet sind – durch Homogen­ität, Plas­tiz­ität und Präg­nanz überzeu­gen. So sauber struk­turi­ert, so wenig tumul­tuös hört man die Coda des Alle­gro con spir­i­to wahrlich nicht immer.
Thomas Bopp