Gustav Mahler

Symphonie Nr. 2 „Auferstehungssymphonie“

Anja Harteros (Sopran), Bernarda Fink (Alt), Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Mariss Jansons

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR-Klassik
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 68

Der gebür­tige Lette Mariss Jan­sons, inzwis­chen 75 Jahre alt, gehört nicht nur zu den großen Diri­gen­ten unser­er Zeit. Er ist auch ein­er der führen­den Mahler-Inter­pre­ten und hat bere­its vor sein­er Zeit als Chefdiri­gent des Sym­phonieorch­esters des Bay­erischen Rund­funks (seit 2003) mit dem Con­cert­ge­bouw Orch­ester Ams­ter­dam und dem Oslo Phil­har­mon­ic Orches­tra zahlre­iche Sym­phonien Mahlers einge­spielt. Jan­sons ist ein wahrer Europäer, der nicht nur die west­lichen Metropolen ken­nt, son­dern auch Erfahrun­gen aus sein­er baltischen Heimat, aus Rus­s­land und der Sow­je­tu­nion ein­bringt. In Wien erkun­dete er bei Hans Swarowsky und Her­bert von Kara­jan das „öster­re­ichis­che“ Reper­toire aus näch­ster Nähe. Zugle­ich weisen ihn seine Inter­pre­ta­tio­nen nicht durch­weg als Jünger Kara­jans aus, dessen Mahler-Auf­nah­men heute keinen Ref­eren­zcharak­ter haben.
Doch die Freude an fein gewebten, zart schim­mern­den Klang­far­ben, die zu Kara­jans Klangäs­thetik gehört, ist auch bei Jan­sons zu find­en, namentlich in der aktuell vor­liegen­den Sym­phonie Nr. 2, deren häu­fig ver­wen­de­ter Beiname „Aufer­ste­hung“ nicht von Mahler selb­st stammt, son­dern dem The­ma des let­zten Satzes geschuldet ist. Die fün­f­sätzige Zweite ist von 1888 bis 1894 ent­standen, in der Budapester und Ham­burg­er Zeit Mahlers. Sie ist gewaltig angelegt für zwei Solistin­nen, großen Chor und entsprechen­des Orch­ester und greift (instru­men­tal) das Lied „Des Anto­nius’ von Pad­ua Fis­ch­predigt“ sowie vokal das „Urlicht“ auf – bei­de entstam­men der Samm­lung Des Knaben Wun­der­horn. Erst­mals führt Mahler hier Singstim­men in seine Sym­phonien ein. Dem ersten Satz, ein­er „Toten­feier“, gegenüber ste­ht der hym­nis­che let­zte mit der Emphase der Aufer­ste­hung, die alle emo­tionalen und klan­glichen Dämme brechen lässt.
Mit dem BR-Sym­phonieorch­ester erre­icht Mariss Jan­sons eine sel­ten dagewe­sene Strin­genz, einen uner­bit­tlichen Sog. Doch wie macht er das? Natür­lich auch durch sorgsam geplante Steigerun­gen, vor allem jedoch durch Präzi­sion. Während Diri­gen­ten wie Leonard Bern­stein den Anfang des let­zten Satzes und andere Kul­mi­na­tion­spunk­te eher unge­ord­net her­vor­brechen lassen, besticht Jan­sons durch kühl kalkulierte Genauigkeit, deren Zielpunk­te dann umso erschüt­tern­dere Erup­tio­nen sind – gewaltige Schläge mit dem Präzi­sion­sham­mer, ziel­ge­naue Peitschen­hiebe, die in den Gehörgän­gen wie Feuer bren­nen. Umso größer sind die Gegen­sätze zu den Mahler’schen Ruhep­hasen, diesen Inseln der Glück­seligkeit – und zu den bis an die Gren­ze des Kitsches geführten Melo­di­en im Andante mod­er­a­to.
Im „Urlicht“-Satz singt Bernar­da Fink mit viel Vol­u­men in der Tiefe, zugle­ich aber zu viel Vibra­to. Schlichtheit wäre angemessen­er, wenn es um Englein und Lichtlein geht. Anja Har­teros bleibt bei ihrem kurzen Ein­satz im Schlussab­schnitt unauf­dringlich. Der Rund­funk­chor glänzt. Und das BR-Sym­phonieorch­ester ist bei dieser Auf­nahme wieder eine Klasse für sich. „Ein Orch­ester, das alles kann“, sagt Mariss Jan­sons.
Johannes Kil­lyen