Gustav Mahler

Symphonie Nr. 1

für Orchester, hg. von Christian Rudolf Riedel

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 66

Dem Ver­lagsju­biläum von Bre­itkopf & Här­tel im Jahr 2019 ist die Neuaus­gabe von Gus­tav Mahlers erster Sym­phonie mit dem Beina­men „Der Titan“ zu ver­danken. Zum einen wirk­te Mahler zwis­chen 1886 und 1888 als Kapellmeis­ter am Leipziger Stadtthe­ater, zum anderen kom­ponierte er dort seine bei­den ersten Sym­phonien. Bewun­der­er wie Ken­ner der Werke Mahlers fra­gen sich nun aber zu Recht, wozu eine Neuaus­gabe von einem Werk, das bere­its vor Jahrzehn­ten im Rah­men der Kri­tis­chen Gesam­taus­gabe erschienen war.
Die Antwort liegt wie so oft im Detail, ins­beson­dere an Mahlers prozesshafter Kom­ponier­weise mit seinen ständi­gen Revi­sio­nen und Retuschen sowie der immer noch „kom­plizierten und teil­weise ver­wor­re­nen Quel­len­lage“, wie uns Her­aus­ge­ber Chris­t­ian Rudolf Riedel zu ver­ste­hen gibt. Die außergewöhn­liche Menge an aufzuar­bei­t­en­dem Quel­len­ma­te­r­i­al und die erst später bekan­nt gewor­de­nen, weit­eren Quellen machen es den Her­aus­ge­bern schi­er unmöglich, einen endgülti­gen und ver­lässlichen Noten­text abzuliefern.
Die erste Kri­tis­che Aus­gabe als Stan­dard­text hat zumin­d­est dafür gesorgt, dass sich Mahlers Sym­phonien im Konzertleben etablieren kon­nten. Sie haben eine Renais­sance aus­gelöst, obwohl manche Benutzer wegen Unstim­migkeit­en zwis­chen der oft rev­i­dierten Par­ti­tur und dem Auf­führungs­ma­te­r­i­al vor manch prak­tis­chen Prob­le­men standen. Weit­er­er Nachteil der alten Aus­gaben: Wegen der unter­schiedlichen und nicht mehr zeit­gemäßen Stich­bilder waren die Revi­sio­nen kaum mehr zu unter­schei­den.
Vor­liegende Aus­gabe behebt diese und andere Män­gel und ver­fol­gt „in erster Lin­ie prak­tis­che Anliegen“. Der nun groß­for­matige Neusatz von Par­ti­tur und Stim­men­ma­te­r­i­al, der in Zusam­me­nar­beit mit Bib­lio­thekaren führen­der Orch­ester durchge­führt wurde, sorgt erst­mals für opti­male Les­barkeit, Ein­heitlichkeit und ein besseres Ori­en­tierungssys­tem mit Stich­noten, Zählhil­fen und struk­turelle Pausen. Zu weit­eren prak­tis­chen Aspek­ten gehören auch die transponierten Stim­men anstelle der nicht mehr gebräuch­lichen Wech­selin­stru­mente.
Es war eine erneute kri­tis­che Durch­sicht geboten, wom­it eine gro­ße Anzahl von weit­eren Präzisierun­gen des Noten­texts erzielt wurde, deren anerken­nenswerte Ergeb­nisse im sechss­palti­gen Revi­sions­bericht und in vierspalti­gen Einze­langaben nachzule­sen sind. Den Diri­gen­ten erwartet ein zweis­prachiges, sehr infor­ma­tives Edi­to­r­i­al, in dem die Vorge­hensweise des Her­aus­ge­bers erläutert wird. Dem fol­gt aus der Fed­er des Mahler-Experten Con­stan­tin Floros ein span­nen­der Beitrag über „Mahler als Sym­phoniker“ sowie die sehr aus­führliche Geschichte der ersten Sym­phonie.
Vor dem sehr sauberen, klaren und über­sichtlichen Noten­text, der alle Kri­te­rien mod­ern­er Edi­tion­sprax­is bestens erfüllt, ist außer­dem die genaue Beset­zungsliste mit der unge­fähren Auf­führungs­dauer wiedergegeben.
Eine Aus­gabe, einem solchen Ver­lagsju­biläum – 300 Jahre! – mehr als würdig, die hof­fentlich den Weg in die Orch­ester find­et.
Wern­er Boden­dorff