Friedrich Schneider

Symphonie No. 16 A-Dur/Ouvertures

Anhaltische Philharmonie Dessau, Ltg. Markus L. Frank

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo/Deutschlandfunk Kultur
erschienen in: das Orchester 10/2019 , Seite 63

Friedrich Schnei­der muss zu jen­er sel­te­nen Spezies von Men­schen gehört haben, die fähig zur Biloka­tion waren – seine vie­len Tätigkeit­en leg­en nahe, dass er offen­bar gle­ichzeit­ig an mehreren Orten sein kon­nte oder sich min­destens gut vertreten ließ. Der vielle­icht wichtig­ste Hofkapellmeis­ter des Dessauer The­aters (1786–1853), ein gebür­tiger Sachse, war aus Leipzig 1821 in die Stadt an Mulde und Elbe gekom­men. Zuvor hat­te er unter anderem als Organ­ist der Thomaskirche gedi­ent und Beethovens fün­ftes Klavierkonz­ert uraufge­führt. In Dessau nun wirk­te er nicht nur als Hofkapellmeis­ter, son­dern auch als Leit­er von Oper, Sin­gakademie und Her­zoglichem Singe­chor, außer­dem als Hofor­gan­ist, Chef der Kirchen­musik und ein­er bedeu­ten­den Musikschule. Let­ztere war führend in Mit­teldeutsch­land, bis in Leipzig der junge Mendelssohn auf den Plan trat. Zahlre­iche ger­ade für die Region wichtige Kom­pon­is­ten absolvierten hier ihre Lehr­jahre. Bis 1844 waren es 120 Absol­ven­ten. Die Dessauer Liedertafel grün­dete Schnei­der gemein­sam mit dem Dichter Wil­helm Müller. Schnei­der ist als Kom­pon­ist vor allem bekan­nt für sein Ora­to­ri­um Das Welt­gericht, das wichtig­ste sein­er Gat­tung zwis­chen Haydn und Mendelssohn. Doch war er auch ein guter Sym­phoniker. Das macht eine aktuelle CD deut­lich, die die Anhaltische Phil­har­monie Dessau unter Leitung von Gen­eral­musikdi­rek­tor Markus L. Frank ihrem Ahn­her­rn gewid­met hat. Über­haupt ist lobend zu erwäh­nen, dass Dessauer Werke oft vom Orch­ester gespielt wer­den. Etliche sind bere­its auf Ton­träger erschienen, immer wieder tauchen sie auch in Konz­ert­pro­gram­men auf. Zen­trales Werk dieser Auf­nahme ist die 16. Sym­phonie Schnei­ders in A-Dur aus dem Jahr 1819 (es fol­gten später noch sieben weit­ere), die nicht nur mit der Tonart auf Beethovens siebte Sym­phonie Bezug nimmt, ohne ihre Eigen­ständigkeit darüber aufzugeben. Auch die Ver­ar­beitung des Ton­ma­te­ri­als erin­nert manch­mal an das Wiener Vor­bild: Schnei­der schreibt ele­gant, pulsierend und hat seine Stärke mehr in der raf­finierten Verän­derung des Mate­ri­als als im melodis­chen Ein­fall. Seine Instru­men­ta­tion ver­rät den erfahre­nen Prak­tik­er. Meist kom­men seine Werke ohne große roman­tis­che Dra­matik und Betrüb­nis aus, man hört sie gern – auch die Ouver­ture trag­ique op. 45, die Fes­tou­vertüre Gaudea­mus igi­tur über Motive akademis­ch­er Lieder, vor allem jedoch die mit beschwingtem Gle­ich­schritt ein­her­schre­i­t­ende Ouvertüre über den Dessauer Marsch. Den hat bekan­ntlich der Alte Dessauer aus dem Krieg in Ital­ien mit­ge­bracht. Böse Zun­gen behaupten, er habe kein anderes Lied gekan­nt. Wie dem auch sei: Schnei­der macht ordentliche Musik daraus. Da wird anhaltisch-preußis­ch­er Drill von ital­ienis­ch­er Glut befeuert. Die Anhaltische Phil­har­monie musiziert leicht und präzise. Der Text des Book­lets ist kundig geschrieben, nur ein wenig klein gedruckt. Angesichts des Reper­toirew­ertes trotz­dem fünf Punk­te.
Johannes Kil­lyen