Dmitri Shostakovich

Suite für Variety Orchestra („Jazz Suite No. 2“)/ Concerto for Piano, Trumpet and String Orchestra No. 1 op. 35/ The Golden Age op. 22

Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt, Ltg. Howard Griffiths

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Rondeau/Klanglogo
erschienen in: das Orchester 01/2019 , Seite 69

Drei auf den ersten Blick unter­schiedliche Werke Dmitri Schostakow­itschs präsen­tiert die CD mit dem Bran­den­bur­gis­chen Staat­sor­ch­ester Frank­furt unter der Leitung von Howard Grif­fiths. Den­noch verbinden die 2. Suite für Jaz­zorch­ester mit dem pop­ulären und oft gespiel­ten Walz­er, das 1. Konz­ert für Klavier, Trompete und Stre­ich­er op. 35 und die vier­sätzige Suite aus dem Gold­e­nen Zeital­ter op. 22 zahlre­iche Momente und Züge unter­halt­samer, par­o­dis­tis­ch­er wie auch iro­nis­ch­er Art. Das bunt gestal­tete Book­let nimmt dieses, erst spät bei Schostakow­itsch ent­deck­te Mit­tel sein­er Auseinan­der­set­zung mit dem Stal­in­is­mus und der sow­jetis­chen Ästhetik bere­itwillig auf und nen­nt es: „Shostakovich oder: Wenn Ironie zur Musik wird“.
Let­zt­ge­nan­nte Suite stammt aus dem dreiak­ti­gen, mit über 40 kürz­eren und län­geren Tanznum­mern verse­henen Bal­lett, welch­es Schostakow­itsch Ende der 1920er Jahre kom­ponierte. Darin geben sich zum einen dekadente, west­liche Sportler lasziv­er und bour­geois­er, also „kranker“ Musik hin, wohinge­gen zum anderen die stram­men sow­jetis­chen Jungs sportlich wie moralisch siegen, weil diese von der „gesun­den“ Musik der Sow­je­tu­nion geprägt sind. Bei der manch­mal her­rlich über­dreht­en und über­spitzt klin­gen­den Musik ist es beina­he schade, dass Diri­gent und Orch­ester sich nur für jene vier Sätze mit ein­er guten Vier­tel­stunde Dauer entsch­ieden haben, die Schostakow­itsch fünf Jahre nach der Urauf­führung aus ehe­mals sieben Sätzen zusam­menge­zo­gen hat­te. Den­noch kommt die vorgestellte Musik frisch und unver­braucht mit viel Schmiss und Witz daher. Beson­ders gut aus­tari­ert sind hier die Bläs­er mit der vor­witzi­gen Es-Klar­inette und dem „lasziv­en“ Sax­o­fon. Die Akteure ver­ste­hen es hier wie auch in der die CD eröff­nen­den 2. Suite für Jaz­zorch­ester, die ver­schiede­nen Stile bestens einz­u­fan­gen. Let­ztere wurde 1988 erst­mals aufge­führt und beste­ht aus ein­er, wohl in den 1950er Jahren für ein Vari­eté-Orch­ester vom Kom­pon­is­ten selb­st zusam­mengestell­ten Rei­he von ins­ge­samt acht vor­wiegend bekan­nten „Tanzsätzen aus ver­schiede­nen Film- und Bal­lettmusiken“, so Franz Groborz im Beglei­theft der CD.
Hauptwerk aber ist das Klavierkonz­ert Nr. 1 aus dem Jahr 1933, ent­standen während ein­er extrem pro­duk­tiv­en Phase im Schaf­fen Schostakow­itschs, in der er auch seine Oper Lady Mac­beth kom­ponierte. Antonij Baryschewskij (Klavier) und Romain Leleu (Trompete) sind die Solis­ten in dem vier­sätzi­gen Konz­ert, die sowohl die kantablen und lyrischen Momente im Lento, aber auch die par­o­dis­tis­chen Zitate, welche das Werk wie rote Fäden durchziehen, bestens her­ausar­beit­en. Im manch­mal mit atem­ber­aubend schnellen Presto-Abschnit­ten beschle­u­nigten Final­satz erklingt der Klavier­part mit aus­gereifter, vir­tu­os­er Tech­nik und trotz­dem mit Raum für viel Witz, von Solo-Trompete mit klarem Ton und präg­nant und zum Ende schmetternd kom­men­tiert. Aber auch die Stre­ich­er begleit­en über­aus präzise und sind in den orch­esteralen Stellen mit spiel­freudi­gem Elan stets zur Stelle.
Wern­er Boden­dorff