Johannes Brahms

String Sextets

WDR Chamber Players

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Pentatone
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 73

Die Gat­tung Stre­ich­sex­tett fand bis zur Mitte des 19. Jahrhun­derts wenig Beach­tung, sie diente gele­gentlich als Haus­musik-Arrange­ment sin­fonis­ch­er Werke. Brahms war ein­er der ersten, die sich nach Spohrs op. 140 aus dem Jahr 1848 dieser Beset­zung zuwandten.
Die bei­den Sex­tette, zwis­chen 1859 und 1865 ent­standen, bewe­gen sich äußer­lich im Rah­men tra­di­tioneller For­men, zeigen jedoch auch, wie Brahms diese durch indi­vidu­elle Lösun­gen erweit­ert. Im Ein­leitungssatz von op. 18 erscheinen vor dem „reg­ulären“ zweit­en The­ma eine motivisch aus dem Haupt­the­ma abgeleit­ete Phrase sowie ein weit­eres The­ma, das als einziges in diesem Satz aus regelmäßi­gen 8‑Takt-Ein­heit­en gebaut ist. Im Übri­gen dominieren hier, wie auch in den Episo­den des Ron­dos, asym­metrische, unger­ad­tak­tige Peri­o­den. Die Reprise wird auf dem Quart­sex­takko­rd einge­führt. Nur der Vari­a­tion­ssatz fol­gt einem stren­gen Schema, abge­se­hen von dem um einen Takt vorge­zo­ge­nen Ein­tritt der Coda.
In op. 36 find­en sich motivisch-kon­struk­tive Momente, wie sie Schön­berg in seinem berühmten Auf­satz als „fortschrit­tlich“ und „entwick­el­nde Vari­a­tion“ beze­ich­net hat, in noch größer­er Dichte. Die The­men und Peri­o­den sind zwar regelmäßiger gebildet, durch Dehnun­gen und Über­lap­pun­gen wer­den Sym­me­trien jedoch mehrfach durch­brochen. Das „Agathe-Motiv“ im ersten Satz ist ein Anhängsel des Seit­en­the­mas. Das viertönige Kopf­mo­tiv dieses Satzes find­et sich dia­tonisch abge­wan­delt im langsamen Satz wieder, einem Vari­a­tion­ssatz ohne „greif­bares“ The­ma, dort stark chro­ma­tisch einge­fasst – ein Satz, der in sein­er Abstrak­theit weit in die Zukun­ft weist. Motivbeziehun­gen sind in unter­schiedlich­er Deut­lichkeit vorhan­den, Brahms ver­mei­det aber, wie stets, die Präg­nanz von Leitmotiven.
Ein Stre­icherensem­ble des WDR Sin­fonieorch­esters hat die bei­den Werke einge­spielt, und gle­ich zu Beginn wird ein wesentlich­es Charak­ter­is­tikum sein­er Inter­pre­ta­tion deut­lich: Phrasen und The­men – sie sind zum Teil von beträchtlich­er Länge – wer­den als große Span­nungs­bö­gen aus­ge­spielt, stets in per­fek­ter Bal­ance, inten­siv dort, wo es nötig ist, niemals forciert. For­male Gliederungspunk­te wer­den mit dezen­ter Agogik gekennze­ich­net. Die Durch­führung­steile ent­fal­ten kon­trastre­iche Dynamik, im Kopf­satz von op. 18 wird die von Brahms ent­fes­selte Motivz­er­gliederung zu einem drama­tis­chen Ereignis.
Bei­de Scher­zo-Trios hat Brahms nur spär­lich mit dynamis­chen Vorschriften verse­hen. Auch hier wur­den vol­lends überzeu­gende Dis­po­si­tio­nen getrof­fen. Das Ensem­ble erweist sich als in höch­stem Maße homogen, dabei ver­sucht es nicht, ein his­torisches Klang­bild oder instru­men­tale Spiel­weisen des 19. Jahrhun­derts nachzuempfind­en. Die vor­liegende Inter­pre­ta­tion erweist sich in ihrer Natür­lichkeit als werkgerecht. Der aufmerk­same Hör­er kann die struk­turellen Eige­narten der Kom­po­si­tio­nen erfahren – und gle­ichzeit­ig genießen. Auch angesichts ein­er bere­its vorhan­de­nen hochkaräti­gen Disko­grafie eine Referenzeinspielung!
Jür­gen Hinz