Silvia Colasanti

String Quartets

Quartetto Noûs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant Classics
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 73

Dass das Schaf­fen der ital­ienis­chen Kom­pon­istin Sil­via Colas­an­ti (*1975) hierzu­lande kaum bekan­nt ist, mag daran liegen, dass sich bis­lang schlichtweg keine Musik­erin­nen und Musik­er gefun­den haben, die sich dafür ein­set­zen. Wie schade das ist, macht das 2011 gegrün­dete Quar­tet­to Noûs deut­lich, das sich mit dieser Pro­duk­tion als aus­geze­ich­neter Anwalt von Colas­an­tis Musik erweist. Vier Werke für Stre­ichquar­tette aus den Jahren 2011 bis 2018 hat das Ensem­ble einge­spielt und ermöglicht damit Ein­blicke in die hohe Qual­ität dieser eben­so feinen wie klangsinnlichen Kom­po­si­tio­nen.
Colas­an­ti schreibt – all­ge­mein gesprochen – eine Musik, deren Ver­lauf von der Annäherung an unter­schiedliche Atmo­sphären bes­timmt ist. Es sind vor­wiegend zarte und leise Klänge von hohem Inten­sitäts­grad, in dem sich auch ein gewiss­er Hang zum The­atralis­chen, eine Vor­liebe für lyrische Sit­u­a­tio­nen, bemerk­bar macht: Vokale Gesten und Ansätze zum instru­men­tal­en Gesang drän­gen immer wieder her­vor und sor­gen, unter­brochen von dif­feren­ziert und unter Ver­wen­dung unter­schiedlich­er Geräuschanteile gear­beit­eter Klangflächen, für eine Art „Klangth­e­ater“, in dem die Quar­tettmit­glieder wie vier Charak­tere mit- und gegeneinan­der antreten. Es ist, als erzäh­le die Musik Geschicht­en, die aber ohne konkretes Sujet bleiben.
Immer­hin wird in Di tumul­ti e d’ombre (2011) durch den Unter­ti­tel „Stu­dio per Faust“ eine Verbindung zu Colas­an­tis im sel­ben Jahr ent­standen­er „Trage­dia sogget­ti­va in musi­ca“ auf ein Gedicht von Fer­nan­do Pes­soa hergestellt: Stärk­er als in den übri­gen Werken ist dieses Stück von unruhi­gen Quar­tett-Tex­turen und schat­ten­haft durch die Stre­ich­er wan­dern­den Klangsi­t­u­a­tio­nen durch­zo­gen, aus denen mit Hal­tek­län­gen, Tremoli oder melodis­chen Phrasen gle­ich­wohl Momente voller Ruhe auf­scheinen.
Auch in Due des­ti­ni (2017) lässt sich im Wech­sel­spiel der Tex­turen ein nar­ra­tiv­er Faden aus­machen, weil sie zwei Grup­pen musikalis­ch­er Kon­texte – einem Miteinan­der aus unter­schiedlich stark aufger­aut­en Kon­fig­u­ra­tio­nen und einem Bestand aus tonalen, sich immer wieder aus wie aus der Ferne in diese Kon­texte hinein­schieben­den Frag­mente – zuge­ord­net wer­den kön­nen und damit die im Titel benan­nten Schick­sale repräsen­tieren.
Wie stark Colas­an­tis Hang zur Ver­wen­dung melodis­ch­er Ele­mente ist, macht die Aria (2018) deut­lich: Sie hebt mit tuschar­ti­gen Akko­r­den und Tremoli an, aus denen sich ein stiller Gesang her­aus-schält, zunächst nur zögernd, dann immer stärk­er den Satz dominierend und auf dem Höhep­unkt in klarem Dreier­metrum den Duk­tus opern­hafter Selb­stver­ständlichkeit ein­schla­gend.
Die drei Sätze der Tre not­ti (2016) schließlich kreisen um unter­schiedlich geze­ich­nete Not­turno-Atmo­sphären, die jew­eils unter Ein­satz ähn­lich­er kom­pos­i­torisch­er Mit­tel etabliert wer­den: ein wech­sel­haftes Spiel mit ineinan­der­fließen­den Satzstruk­turen, dessen Ursprünge in diesem Fall in Colas­an­tis Musik zu Patrizia Cav­al­lis Schaus­piel Tre risveg­li liegen.
Ste­fan Drees