Dvorák, Antonín

Streichquintett G‑Dur

op. 77, hg. von František Bartoš / Antonín Pokorný, Stimmen / Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Prag 2014
erschienen in: das Orchester 01/2015 , Seite 72

Mozart fügte dem klas­sis­chen Stre­ichquar­tett eine weit­ere Bratsche hinzu und Schu­bert erweit­erte es um ein zweites Vio­lon­cel­lo, um auf die Stre­ichquin­tet­tbe­set­zung zu kom­men. Antonín Dvorák tim­bri­ert noch etwas dun­kler und ver­traut das klan­gliche Fun­da­ment einem Kon­tra­bass an. Zugle­ich ent­fer­nt er sich einen kleinen Schritt von den Hochge­filden der Kam­mer­musik und lässt die fünf Stre­ich­er bisweilen Orch­ester­luft schnup­pern. Das liegt zum einen sich­er am typ­is­chen, dicht­en Dvo­rák’schen Stre­ich­er­satz, zum anderen ist es der Tat­sache geschuldet, dass der Kon­tra­bass hier eben doch keine ganz den anderen Stim­men eben­bür­tige Rolle spielt. Er set­zt rhyth­mis­che Akzente, ver­dop­pelt bisweilen die Basslin­ie des Cel­los und erlaubt diesem hin und wieder kleine Aus­flüge ins Tenor­fach – ganz so, wie man das vom großen Sin­fonieorch­ester her auch ken­nt.
Selb­stver­ständlich bleibt aber auch dieses rel­a­tiv frühe Werk Dvoráks – die später vergebene hohe Opuszahl darf nicht darüber hin­wegtäuschen, dass es sich hier qua­si um des Kom­pon­is­ten erstes pro­fil­iertes Stück Kam­mer­musik han­delt – die meiste Zeit über klar kon­turi­erte Musik für fünf indi­vidu­elle und solis­tis­che Stim­men; aus­ges­tat­tet mit einem robusten Ton, kraftvoller Bewe­gung und einigem melodis­chen Tief­gang. So rück­en die fünf Stre­ich­er im Scher­zo klan­glich eng zusam­men, bilden eine kernige Ein­heit, während sie in den Eck­sätzen mit bril­lant funkel­nden Pas­sagen und vir­tu­osen Läufen aufwarten. Das an drit­ter Stelle ste­hende Andante sowie das lei­der nur im Anhang der Stu­di­en­par­ti­tur präsen­tierte Inter­mez­zo, das aus der ursprünglichen Satz­folge des Stre­ichquin­tetts aus Bal­ance­grün­den gestrichen wurde, zeigen sich zurück­hal­tender in Ton und Akzen­tu­ierung.
Dvorák, der sein G‑Dur-Stre­ichquin­tett 1875 für einen Kom­po­si­tion­swet­tbe­werb schrieb und mit ihm dann auch den Sieg davon­trug, hat­te mit der sich lange hin­auszögern­den­Veröf­fentlichung kein recht­es Glück – die Auf­führun­gen des Werks indes waren und sind stets erfol­gre­ich. Das mag vor allem an den klaren Struk­turen der Kom­po­si­tion liegen, an den sehr ökonomisch einge­set­zten Mit­teln und an den ver­gle­ich­sweise mod­er­at­en spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen an die fünf Stre­ich­er.
Auf Basis des bei Bären­re­it­er her­aus­gekomme­nen peni­bel redigierten Stim­men­satzes lässt sich ein Stück expres­siv­er Kam­mer­musik des großen Tschechen abbilden, das es ver­di­ent hat, ein wenig häu­figer im Konz­ert­saal zu erklin­gen. So leicht wie Stre­ichquar­tett plus Kon­tra­bass den Zugang zu diesem Quin­tett find­en wer­den, so direkt wird es das Pub­likum ansprechen, das an mehr als ein­er Stelle den „typ­is­chen“ Dvorák her­aushören wird.
Daniel Knödler