Johannes Brahms

Streichquartette

Philharmonia Quartett Berlin, 2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Thorofon CTH2623/2
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 82

Es war ein schw­er­er Ruck­sack, den Johannes Brahms seine ganzen frühen Jahrzehnte mit sich herum­schleppte: Nicht viele Kom­pon­is­ten sahen sich so von der Tra­di­tion her­aus­ge­fordert und belastet wie der Ham­burg­er, und nur wenige braucht­en so häu­fige Anläufe, Umwege und Vorstu­di­en, bis sie mit ihren Erstlingswerken der großen Gat­tun­gen her­auska­men.
Als Brahms’ erstes Stre­ichquar­tett uraufge­führt wurde, war der Kom­pon­ist bere­its vierzig Jahre alt und hat­te zwei Stre­ich­sex­tette veröf­fentlicht, min­destens ein Quar­tett (in h-Moll) ver­nichtet und nach eigen­er Aus­sage zwanzig weit­ere begonnen. Eine „Zan­genge­burt“ nan­nte Brahms später sein Opus 51, zu dem ein zweites Quar­tett (a-Moll) gehört, und es ist fast ein Wun­der, dass man bei­den Stück­en das über­haupt nicht anmerkt.
Weit­er fällt auf, dass die Tra­di­tion, die Brahms so sehr im Nack­en saß – vor allem Beethovens Spätwerk –, hier kaum vorder­gründig fass­bar ist: Brahms’ Klang­sprache tritt hier vol­lkom­men frei in Erschei­n­ung, und das Phil­har­mo­nia Quar­tett Berlin set­zt diese eben­so entspan­nt wie aus­drucksstark um und entwick­elt einen Brahms-Sound von erhe­blich­er Sog­wirkung.
Die Musik­er (Daniel Stabrawa und Chris­t­ian Stadel­mann, Vio­li­nen; Nei­thard Resa, Vio­la; und seit 2009 Diet­mar Schwalke, Cel­lo) – alle­samt Mit­glieder der Berlin­er Phil­har­moniker – gehören zu den besten und best­bezahlten Orch­ester­musik­ern der Welt. Aber Kam­mer­musik geht anders als Orch­ester­ar­beit: Merkt man das? Nein. Hier treten die Vier als Ensem­ble genau­so her­vor wie sie als Indi­vid­u­al­is­ten inter­ak­tiv agieren, und auch wenn ihr Alters­durch­schnitt ein inzwis­chen rel­a­tiv hoher ist, so ist die emo­tionale Span­nung des c-Moll-Kopf­satzes etwa extrem hoch, ja, ger­adezu aggres­siv, was dem Werk jene fast jugendliche Sprung­haftigkeit der Gefüh­le gibt, die man eigentlich eher von Jugendw­erken und jugendlichen Ensem­bles erwartet.
Die Wieder­gaben auch des a-Moll- sowie des drit­ten Quar­tetts B-Dur op. 67 sind geze­ich­net ein­er­seits von sonor­er Klangfülle und bisweilen gelassen­er Spiel­freude, aber eben auch von kanti­gen Rhyth­men und zuge­spitzter Dynamik. Dabei wird Bre­ite im Klang sel­ten (wie im Andante von Nr. 3) durch Vibra­to erre­icht, son­dern häu­figer durch dif­feren­zierte Artiku­la­tion mit dem Bogen, was für Ensem­bles, die selb­st den schw­eren Ruck­sack ein­er lan­gen Orch­ester­tra­di­tion mit sich herum­tra­gen, eher sel­ten ist.
Matthias Roth