Evgeny Kissin

Streichquartett op. 3

Studienpartitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 68

Der gegen­wär­tige Konz­ert­be­trieb hebt auf Kat­e­gorisierun­gen ab, auf die Einord­nung von Kün­stlern in ein jew­eiliges Fach. Doch ist es keine Sel­tenheit, dass es Inter­pre­ten zur Kom­po­si­tion hinzieht, Diri­gen­ten mehr noch als Instru­men­tal­is­ten. Evge­ny Kissin gehört seit über drei Jahrzehn­ten zur Welt­spitze der Pianis­ten. Dass er auch kom­poniert, dürfte kaum bekan­nt sein. Nach eigen­er Aus­sage stellte er mit Beginn sein­er inter­na­tionalen Konz­ert­tätigkeit sein Kom­ponieren zurück, in jüng­ster Zeit jedoch reak­tiviert er dieses.
Zwar schreibt Kissin auch vir­tu­ose Klavier­stücke (u.a. Toc­ca­ta), beschränkt sich darauf jedoch nicht. Sein Stre­ichquar­tett op. 3 ent­stand in Zusam­me­nar­beit mit dem Kopel­man Quar­tett (dessen Pri­mar­ius wirk­te lange im leg­endären Borodin Quar­tett mit), das das Werk ein­spielte.
Das Quar­tett ist vier­sätzig, die Tem­poab­folge langsam – schnell erscheint zweimal. In den Affek­ten kor­re­spondieren die Sätze eben­so, der erste und dritte Satz tra­gen Lamen­to-Charak­ter, die anderen bei­den sind motorische Scherzi. Der Schlusssatz trägt die Beze­ich­nung „Sar­cas­ti­co“ im Titel. Er erin­nert stilis­tisch in sein­er Gri­massen­haftigkeit an Schostakow­itsch, wie auch die Dop­pelpunk­tierung im Klagege­sang des „Largo dra­mati­co“.
Kissin ver­wen­det Zwölfton-Felder eben­so wie tonale Liegetöne, es über­wiegt eine freie, dis­so­nanzfreudi­ge Tonal­ität, ins­ge­samt ste­ht das Werk in C. Oft imi­ta­torisch geset­zte, aus­greifende Lin­ien prä­gen das anfängliche „Ada­gio lib­era­mente“. Die Form ist offen, schon nach 30 Tak­ten set­zt eine flächige Coda ein. Das fol­gende motorische Alle­gro wirkt mit seinen unver­hofften Stopps und Akzen­ten unruhig. Eine sich aufwärts schraubende chro­ma­tis­che Fig­ur in Sechzehn­teln wirkt durch halbtönige Ver­set­zun­gen fast geräuschhaft, sie mün­det in einen bruitis­tis­chen Höhep­unkt.
Das Finale beste­ht aus ein­er rez­i­ta­tivis­chen Ein­leitung, einem sehr schnellen zu Beginn fugierten Per­petu­um mobile und ein­er Coda, die das anfängliche Rez­i­ta­tiv wieder aufn­immt und die bei­den langsamen Sätze zitiert. Solcher­art Wieder­auf­nahme ist eher ein Mit­tel großer sin­fonis­ch­er Dis­po­si­tio­nen, für dieses rel­a­tiv kurze Quar­tett (es dauert ins­ge­samt ca. 16 Minuten) erscheint sie über­höht.
Jed­er Satz trägt eine präg­nante Phys­iog­nomie, ist sehr expres­siv und wirk­sam geschrieben, in den Einzel­stim­men und im Zusam­men­spiel auf einem hohen Schwierigkeits­grad. Ungewöhn­lich ist die for­male Gestal­tung, vorherrschend ist eine Monothe­matik, Reprisen erscheinen sehr früh. Das sehr ansprechende musikalis­che Mate­r­i­al hätte eine aus­führlichere Ver­ar­beitung ver­tra­gen.
Pro­fes­sionelle Stre­ichquar­tette kön­nen mit diesem wirkungsvollen Werk, das trotz Anknüp­fung an Schostakow­itsch einen eige­nen Ton find­et, ihr Konz­ert­pro­gramm bere­ich­ern.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau