Suk, Josef

Streichquartett Nr. 1 B‑Dur op. 11

hg. von Zdenek Nouza, Urtext, Taschenpartitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 66

Während die groß­for­mati­gen Orch­ester­w­erke Josef Suks in den ver­gan­genen Jahren ein beein­druck­endes Come­back in den Konz­ert­sälen und in zahlre­ichen Auf­nah­men gefeiert haben, ste­ht der Kam­mer­musik des Dvorák-Schwiegersohns Ähn­lich­es – so bleibt zu hof­fen – noch bevor. Ger­ade ein­mal das Klavierquar­tett und ‑quin­tett wer­den regelmäßig gespielt; dem hier im Urtext wiedergegebe­nen Stre­ichquar­tett in B‑Dur begeg­net man hinge­gen kaum. Und das, obwohl das Werk dur­chaus erfol­gre­iche erste Auf­führungs­jahre erlebte. Auch an der Umar­beitung bzw. Neukom­po­si­tion des Schlusssatzes kann das nicht liegen – bei­de Fas­sun­gen scheinen auf den ersten Blick überzeu­gend. So überzeu­gend, dass Suk selb­st, der mit der Neu­fas­sung des Finales dem gesamten Quar­tett einen gewichtigeren Schluss geben wollte, in eige­nen Auf­führun­gen mit seinem Böh­mis­chen Stre­ichquar­tett immer auch wieder die Ursprungs­fas­sung wählte.
Josef Suks erstes Stre­ichquar­tett (das unter Mitzäh­lung eines Jugendw­erks eigentlich sein zweites wäre) ist ganz sich­er ein wesentlich­es Des­til­lat aus sein­er jahre­lan­gen Arbeit mit dem Böh­mis­chen Stre­ichquar­tett. Zu sein­er Zeit war dieses Ensem­ble, in dem Suk die zweite Geige spielte, eine der bekan­ntesten Kam­mer­musik­for­ma­tio­nen in Europa – was eine enorme Konz­ert- und Reisetätigkeit zur Folge hat­te, die es dem Kom­pon­is­ten oft nur in der spiel­freien Zeit im Som­mer erlaubte, län­gere Zeit mit dem Kom­ponieren zu ver­brin­gen. Sein B‑Dur-Quar­tett ent­stand deshalb auf Basis viel­er Skizzen, die Suk im Laufe eines guten Jahres zu seinem offiziellen Quar­tett-Erstling zusam­men­fügte. Auf­fal­l­end sind dabei die große melodis­che Fülle und der stete Fluss des musikan­tisch angelegten Werks. Die Stre­ich­er­stim­men sind in allen vier Sätzen dur­chaus gle­ich­berechtigt, die erste Vio­line ragt nur ganz sel­ten ein­mal, etwa im nachkom­ponierten Finale, aus dem musikalis­chen Geschehen her­aus.
Zeit­genös­sis­che Kri­tiken ord­nen Josef Suks B‑Dur-Quar­tett-Opus nicht nur als überzeu­gend auch ger­ade im Ver­gle­ich mit den Quar­tet­ten von Johannes Brahms ein, son­dern bericht­en immer wieder vom beson­deren Pub­likum­ser­folg des auf den Ein­gangssatz fol­gen­den Inter­mez­zos. Marschar­tig begin­nend, entwick­elt dieses Inter­mez­zo einen für Suk so typ­is­chen musikalis­chen Sog, einen über­wälti­gend direk­ten Schwung, der die vier Stre­ichin­stru­mente gle­ich­sam vom Quar­tett zum Orch­ester erweit­ert. Hier spricht der Geiger Josef Suk im Noten­text wohl das aus, was vor gut ein­hun­dert Jahren die Begeis­terung für das Böh­mis­che Stre­ichquar­tett auf seinen Europa­tourneen aus­gemacht haben muss. Gerne hätte man das Werk ein­mal in der Wieder­gabe Suks und sein­er drei Mit­stre­it­er gehört!

Daniel Knödler