Joseph Haas
Streichquartett für zwei Violinen, Viola und Violoncello g-Moll op. 8
Hg. von Norbert Florian Schuck, Partitur und Stimmen
Noch vor 70 Jahren war Joseph Haas eine zentrale Figur des deutschen Musiklebens und ein vielgespielter Komponist an den Opernhäusern der Nachkriegszeit in West- und Ostdeutschland. Als Schüler von Max Reger und Mitinitiator der Donaueschinger Musiktage scheint Joseph Haas damals das Kunststück gelungen zu sein, zeitgleich als „fortschrittlich“ und breitenwirksam zu gelten. Als Komponist und Hochschullehrer stand er für so etwas wie einen pragmatischen Zugang zu zeitgenössischer Musik, der weder das Element der sinnlichen Erfahrung noch das des soliden „Handwerks“ gering schätzen wollte.
Die Kompositionen von Joseph Haas klingen, mit den Ohren von heute gehört, manchmal etwas nach „Reger light“ oder ein wenig holzschnittartig. Strukturen sind überaus klar heraushörbar, die Musik entwickelt erzählerische Linien und hat durchaus auch Stärken in der Dimension Melodie. Das vorliegende Streichquartett op. 8, entstanden zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts und unter dem Einfluss Max Regers, weist diese Haas-typischen Elemente auf, man könnte sogar sagen, es stehe gleichsam exemplarisch für viele Aspekte des späteren Schaffens von Joseph Haas.
Um so erstaunlicher, dass das g-Moll-Quartett zu Lebzeiten des Komponisten nie aufgeführt wurde, obwohl dieser es als wichtigen Bestandteil seines Werkkatalogs ansah. Die posthume Uraufführung ist nun für 2024 geplant, und man darf gespannt sein, ob sich das Streichquartett einen festen Platz im Repertoire wird erarbeiten können. Die vier Sätze von insgesamt einer knappen halben Stunde Spieldauer hinterlassen beim Lesen der Partitur den Eindruck sauber strukturierter, konturenreicher und gut zugänglicher Musik. Ein zupackender Ansatz wird der Interpretation der Ecksätze und des Scherzos sicher zuträglich sein, und auch etwas Virtuosität wird hier ganz gewiss für Glanz sorgen können. Beim Larghetto überschriebenen langsamen Satz werden sich die Interpreten sicher fragen, wie hoch der „Schuss“ Romantik zu dosieren ist; Joseph Haas selbst ist ausweislich der vielen Bezeichnungen „espressivo“ oder „sempre espressivo“ eher auf der Seite des vollen, vielleicht sogar orchestralen Klangs.
Das von Norbert Florian Schuck auf Basis zweier autografer Quellen jetzt bei Schott herausgegebene Streichquartett in g-Moll könnte dazu beitragen, den heute großen Unbekannten der Musik des frühen 20. Jahrhunderts, Joseph Haas, einem breiteren Publikum (wieder) bekannt zu machen. Neben seinen Orgelwerken dürfte es ganz bestimmt seine Kammermusik etwas einfacher haben als die vielleicht inzwischen etwas aus der Zeit gefallenen Opern. Dem Opus 8 von Joseph Haas ist vor diesem Hintergrund eine lebhafte musikalische Zukunft zu wünschen!
Daniel Knödler


