Franz Schubert

Streichquartett a-Moll

op. 29 D 804 (Rosamunde), hg. von Egon Voss, Stimmen/Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 63

Dass knapp 30 Jahre nach Abschluss der Edi­tion sämtlich­er Stre­ichquar­tette Franz Schu­berts – immer­hin von der “Neuen Schu­bert-Aus­gabe” (NGA) – ver­gan­ge­nes Jahr der Münch­n­er Hen­le-Ver­lag mit dem renom­mierten Musik­wis­senschaftler Egon Voss eine soge­nan­nte Urtext-Aus­gabe pub­lizierte, ist schon bemerkenswert.
Man sollte annehmen, es sei quel­len­tech­nisch und edi­torisch bere­its alles gesagt. Zumal das Auto­graf des 1824 kom­ponierten a-Moll-Stre­ichquar­tetts bis­lang nicht aufge­taucht ist – und wohl auch nicht mehr auf­tauchen wird. Es gibt ledig­lich ein über­liefertes Datum und zwar das der ersten Auf­führung durch das Schup­panzigh-Quar­tett am 14. März 1824. Andere Hin­weise stützen die Entste­hungszeit. So schrieb kurz zuvor der damals im engeren Schu­bert-Kreis zäh­lende Maler Moritz von Schwind an Schu­berts Fre­und Franz von Schober nach Bres­lau, dass „ein neues Quar­tett Son­ntags bei Zupanzik aufge­führt wird, der ganz begeis­tert ist und beson­ders fleißig ein­studiert haben soll“. Und noch zuvor melde­te Schwind in einem anderen Brief, Schu­bert mache „Quar­tet­ten und Deutsche und Vari­a­tio­nen ohne Zahl“.
Die zeit­genös­sis­che Rezen­sion war zurück­hal­tend in ihrer Beurteilung: Es soll „als Erst­ge­burt nicht zu ver­acht­en“ sein. Noch im sel­ben Jahr kam es zur Druck­le­gung beim Wiener Ver­lag Sauer & Lei­des­dorf, der Erst­druck wurde am 7. Sep­tem­ber in der Wiener Zeitung angezeigt. Schu­bert hat­te ja ursprünglich vor, zwei weit­ere Quar­tette als op. 29 her­aus­geben zu lassen, wofür er noch das in d-Moll mit dem Beina­men “Der Tod und das Mäd­chen” kom­poniert hat­te; ein weit­eres kam jedoch nicht mehr hinzu.
Schu­bert hielt sich von Mai bis Okto­ber 1824 als Musik­lehrer auf dem Land­sitz des Grafen Ester­házy auf. Diese und weit­ere wichtige Infor­ma­tio­nen zum Entste­hung­sprozess sind im dreis­prachi­gen und aus­führlichen Vor­wort zusam­menge­fasst, das mit den Einze­lan­merkun­gen im Stim­men­ma­te­r­i­al der ersten Vio­line noch ein­mal wort­ge­treu abge­druckt ist, falls das Ensem­ble auf die schön gestal­tete Stu­di­en­par­ti­tur verzicht­en würde.
Grund­lage ist bei der vor­liegen­den Aus­gabe, wie auch bei der NGA und selb­stver­ständlich auch bei allen anderen Aus­gaben, die fehler­hafte Erstaus­gabe der Stim­men, welche das Schup­panzigh-Quar­tett zuvor zu Proben benutzt hat­te. Das Auto­graf wurde ver­mut­lich nach dem Druck wegge­wor­fen – eine damals gängige Prax­is.
Für vor­liegende Neuaus­gabe wurde die betr­e­f­fende Aus­gabe der NGA „zu Ver­gle­ich­szweck­en herange­zo­gen“, so Voss in seinen abschlie­ßenden Bemerkun­gen. Nur der Kri­tis­che Bericht der NGA ist aus­führlich­er mit Querver­weisen beschrieben, während Voss sich auf das Wesentliche beschränkt, da er mehr den Prak­tik­er im Blick hat. Auch die akku­rat und bestens les­bar gedruck­ten Stim­men erfüllen die hohen Ansprüche mod­ern­er Stre­ich­er vor­bildlich und voll umfänglich. Die Stim­men sind auch als App erhältlich – Code inbe­grif­f­en.
Wern­er Boden­dorff