Streichquartett

Rubrik: Noten
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Das hier erst­mals pub­lizierte frühe Stre­ichquar­tett von Bernd Alois Zim­mer­mann beste­ht aus zwei Sätzen (“Ada­gio molto” und “Alle­gro mod­er­a­to”) – und schon die Rei­hen­folge der Sätze ist nicht sich­er. Eben­so ist die Entste­hungszeit nur unge­fähr zu umreißen. Das Manuskript selb­st ist erst in jüng­sten Jahren aus ver­schiede­nen Nach­lässen wieder aufge­taucht und kon­nte nun im Bernd-Alois-Zim­mer­mann-Archiv der Berlin­er Akademie der Kün­ste wieder zusam­menge­fügt wer­den.
Anhand der Papier­sorten und des hand­schriftlichen Duk­tus ließ sich offen­bar leicht erken­nen, dass die Einzel­teile tat­säch­lich zusam­menge­hören. Man geht davon aus, dass die Satz­folge langsam – schnell die let­zt­gültige Entschei­dung des Kom­pon­is­ten ist. Die Datierung auf die Jahre 1944/45 ergibt sich aus einem Brief Zim­mer­manns an Liselotte Neufeld, in dem die Arbeit an einem Quar­tett erwäh­nt ist. “Das ist wohl die konzen­tri­erteste Kom­po­si­tion­sar­beit – und die abstrak­teste”, schreibt er an die Adres­satin über das Werk. Die Datierung ergibt sich auch durch motivis­che Ver­wandtschaften mit dem 1944 abgeschlosse­nen Stre­ichtrio und der Erst­fas­sung des Konz­erts für (Streich-)Orchester (uraufge­führt 1947).
Das Manuskript hat weit­ge­hend Rein­schriftcharak­ter, auch wenn einige Stre­ichun­gen und Anmerkun­gen des Kom­pon­is­ten ohne kor­rigierende Fol­gen blieben. Von der erst bei den Kranich­stein­er Ferienkursen 1948 durch René Lei­bowitz emp­fan­genen Ini­tialzün­dung der Schönberg’schen Rei­hen­tech­nik ist dieses Werk noch unberührt. Stilis­tisch bewegt sich Zim­mer­mann, seit 1942 wegen ein­er Hauterkrankung von der Wehrma­cht freigestellt, in die er 1939/40 ein­berufen wor­den war, bis nach Ende des Krieges in neok­las­sizis­tis­chen Gewässern. Hin­demith, Straw­in­sky und die franzö­sis­che Schule übten ihre Ein­flüsse auf den knapp 30-Jähri­gen aus.
Ohne Tonarten-Vorze­ich­nun­gen enden die bei­den Sätze in C- bzw. E‑Dur. Motivisch eng geflocht­en, stellt der vier­stim­mige Satz die Vor­rang­stel­lung der ersten Vio­line kaum in Frage. Vor allem das Ada­gio benutzt inter­val­lis­che Rei­bun­gen häu­fig als far­bliche Ver­schleierung der Tonal­ität. Im “Alle­gro” herrscht Hin­demiths Ton­fall vor. Das Cel­lo emanzip­iert sich hier zeitweise als kraftvoller Gegen­part zur Primgeige. Starke Motorik und detail­lierte Artiku­la­tionsvor­gaben prä­gen diesen Satz, der ein­er Art Ron­d­o­form fol­gt.
Die Frage, ob es sich bei diesem Werk eher um eine Studie, ein Frag­ment oder um eine voll­gültige Arbeit han­delt, lässt sich kaum mehr sich­er beant­worten. Es ist ein typ­is­ches Früh­w­erk, das auch die dur­chaus erschüt­ternde “Ahnungslosigkeit” der von jed­er musikalis­chen Entwick­lung außer­halb des “Drit­ten Reichs” abgeschnit­te­nen jun­gen Kom­pon­is­ten­gener­a­tion jen­er Jahre ein­drucksvoll doku­men­tiert. Das Hagen Quar­tett hat das Werk bald nach Bekan­ntwer­den der Funde bere­its im Novem­ber 2008 uraufge­führt.
Matthias Roth