Johannes Kalitzke

Story Teller/Figuren am Horizont

Johannes Moser (Violoncello), Ivana Pristašová (Violine), Deutsches Symphonie-Orchester, œnm – österreichisches ensemble für neue musik, Ltg. Johannes Kalitzke

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Kairos
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 71

Johannes Kalitzke ist als Dirigent und Komponist eine Leitfigur der Neue-Musik-Szene. 1959 in Köln geboren, studierte er dort Klavier, Dirigieren und Komposition. Am Pariser Institut IRCAM war er eine Zeit lang Schüler von Vinko Globokar. Nach anfänglichen Dirigentenjahren in Gelsenkirchen wurde er 1991 künstlerischer Leiter des von ihm mitbegründeten nordrhein-westfälischen Landesensembles „Musikfabrik“. Seither wirkt er vielerorts als Gastdirigent renommierter, der zeitgenössischen Tonkunst verschriebener Ensembles (Klangforum Wien, Collegium Novum, Ensemble Modern) und Orchester. Auch als Opernkomponist ließ er sich mehrfach vernehmen. Seit 2015 lehrt er Dirigieren am Salzburger Mozarteum.
Sein jüngstes, synästhetisch inspiriertes Instrumentalschaffen spiegelt sich in den beiden von ihm selbst dirigierten Zyklen. Kalitzke scheut sich nicht, seine Werke und ihre einzelnen Sätze bildhaft zu betiteln – doch so metaphorisch, dass die Überschriften nicht mehr hergeben als ein vages Wähnen oder poetisches Ahnen.
In der sechsteiligen Orchestersuite Story Teller (2015/16) beschreibt oder umschreibt das Solocello eine Reihe wundersamer Wesen und Gegenstände. Sie entspringen annähernd beibehaltenen Grundgestalten. Wechselnde Räume durchwandernd, nehmen sie unterschiedliche Physiognomien an, die auf den Erzählduktus des Solisten einwirken. Von Kapitel zu Kapitel, attacca aneinander gefügt, wandeln sich die Konturen des Soloparts. Wobei das Orchester, Vorder- und Hintergrund verwischend, diesen allmählich aufsaugt, indem der anfängliche Dialogpartner immer mehr zur Orchesterstimme „verkommt“.
Unglaublich, welch artikulatorische Wunder der vielfach preisgekrönte Cellovirtuose Johannes Moser, den David Geringas zum Meister schliff, auf seinem edlen Instrument (aus der Werkstatt von Andrea Guarneri, 1694) federleicht vollbringt! Was darüber hinaus in Erinnerung bleibt: die Schlaghölzer der „Schaukel“ und Metallschläge der „Eisernen Puppe“, die zarte Tönung und das Mimikry des „Manhattan Butterfly“, das Helldunkel der Szene „Bett im Licht“, die unholde Ruinenfee und der finale, erdbebenartig durchrüttelte „Panic Room“.
Die Idee des Verschwindens prägt auch, wiewohl andersartig, die Figuren am Horizont (2011) für Violine solo und sechs Instrumentalisten (Viola, Violoncello, Flöte, Klarinette, Klavier, Schlagzeug). Hier bleibt die glänzende Solistin – die Slowakin Ivana Pristašová – ein Silberfaden im musikalischen Gewebe. Die fünf Sätze „Skizze für ein unbewohnbares Haus“, „Brennende Uhr“, „Gebet auf schiefer Ebene“, „Travestia di Tristano“ und „Skizze für ein Haus im Licht“ sind gedacht als Nachrufe auf verschwiegene Künstlerkollegen. Denken ließe sich an Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti und Hans Werner Henze.
Die Einspielungen mit dem DSO Berlin und dem œnm Salzburg haben Referenzcharakter.
Lutz Lesle